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Oetingers Mantel


Als den Elias unsrer Zeit,

Als Oetingern ein Cherubswagen

Ins Reich von Christus Herrlichkeit

In sanftem Säuseln aufgetragen,

Ließ er den Mantel schnell von Strahlenschultem fliegen;

Er wogte durch die Luft herab -

Und blieb an des Propheten Grab

In sanftem Mondenschimmer liegen.

Viel Modeweise unsrer Zeit,

Zu blind für Oetingers verborgne Herrlichkeit,

Und stolz auf ihr Gewand von Spinneweben,

Verachteten den Mantel; ihn

Vom Grab nur aufzuheben,

War viel zu klein für ihren stolzen Sinn.

Auch Herder kam auf seinem Riesengange

Zum Hügel Oetingers, und funkelt lange

Mit Augenblitz den Mantel an;

Doch wandelt′ er mit kühnen Schritten

Bald wieder fort auf seiner Bahn,

Und dacht′: Mein Mantel ist aus gleichem Stoff geschnitten.

Auch Hahn, des Todten Jünger kam, und stumm

Blieb er am Hügel seines Lehrers stehen;

Sah demuthsvoll hinauf zu Gottes Höhen,

Bückt′ sich, und warf den Mantel um.



(* 24.03.1739, † 10.10.1791)




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