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Das Unsühnbare


I

 

Kann ich der alten Reue je entweichen,

Die stets geschäftig, klammernd mich umschlingt,

Sich von mir nährt, so wie der Wurm von Leichen,

Wie eine Raupe, die den Eichbaum zwingt?

Kann ich der alten Reue je entweichen?

 

Wo ist der Saft, der Wein, der Leidbeschwörer,

Drin wir ertränken unsren alten Feind,

Der dirnengleich gefrässiger Zerstörer,

Ameisengleich geduldiger Nager scheint?

Wo ist der Saft, der Wein, der Leidbeschwörer?

 

Sag′s, Zauberin, wenn du den Trost gefunden,

O sag′s der Seele, angst- und qualbeschwert,

Dem Sterbenden, erdrückt von Todeswunden,

Auf den der Pferde Huf hernieder fährt,

Sags, schöne Zaubrin, wenn du Trost gefunden;

 

Sag′s dem Gefallnen, den der Wolf schon wittert,

Um den die wilden Raben krächzend schrein,

Dem Krieger, der in letzten Qualen zittert

Um einen Sarg und einen Leichenstein;

Sag′s dem Gefallnen, den der Wolf schon wittert!

 

Der Himmel, schwarz wie Pech, erhellt sich nimmer,

Und nie zerreisst das Dunkel schwer und fahl,

Das ohne Morgen, ohne Abendschimmer

Und ohne Stern und finstern Wetterstrahl,

Der Himmel, schwarz wie Pech, erhellt sich nimmer.

 

Einst strahlte Hoffnung von der Gasthausschwelle,

Sie ist verlöscht, – in tiefer Finsternis

Blind tastend suchen wir des Obdachs Stelle

Auf wilder Wege Qual und Bitternis.

Der Böse hat verlöscht die Gasthausschwelle.

 

Geliebte Zaubrin, liebst du die Verfluchten,

Kennst du der unsühnbaren Dinge Spiel,

Der Reue Pfeil, den giftigen, verruchten,

Dem unser Herz als Scheibe dient und. Ziel?

Geliebte Zaubrin, liebst du die Verfluchten?

 

Das Unsühnbare nagt mit blindem Wüten

An unsrer Seele schwachem Monument

Und unterwühlt den Grund, wie die Termiten

Zerstören der Gebäude Fundament.

Das Unsühnbare nagt mit blindem Wüten.

 

II

 

Auf einer Bühne hab ich einst gesehen

Die Fee, umwogt von dunkler Töne Flut,

Durch einen gottverlassnen Himmel gehen,

Und Morgen flammte auf in roter Glut.

Auf einer Bühne hab ich einst gesehen

 

Das Wesen, das aus Licht und Gold gewebt,

Und sah vor ihr des Satans Kunst verwehen.

Doch dies, mein Herz, drin nie Verzückung bebt,

Die Bühne ist′s, wo wir umsonst erflehen,

Immer umsonst die Fee, die leuchtend schwebt.

Plauderei

 

Du bist der Schein rotgoldnen Herbsteslichts,

Allein in mir schwillt wie ein Meer das Leid

Und lässt, rückflutend, müder Lippe nichts,

Als Nachgeschmack von Schlamm und Bitterkeit.

 

Du streifst die Brust mir. – Ach, ein holder Wahn!

Verwüstet liegt, was deine Hand erheischt,

Zerrissen durch der Weiber wilden Zahn;

Du suchst mein Herz, – die Bestie hat′s zerfleischt.

 

Ein Tempel bin ich, den das Volk geschändet,

Verzweiflung, Tod und Taumel herrscht darin –

Welch warmen Duft dein nackter Busen spendet!

 

Du willst es, Schönheit, Seelenquälerin!

Mit deinem Blick, dem strahlend sieggewohnten,

Verbrenn die Fetzen, die die Bestien schonten!



(* 09.04.1821, † 31.08.1867)




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