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Der vertheidigte Pythagoras


Oder

Die bey der Riemann-Viccischen vermählung behauptete wanderung der seelen

 

Die schulen wissen noch in ihrer sitten-kunst

Viel vom Pythagoras und seiner schrifft zu sagen:

Er hätte nur der welt für flammen rauch und dunst/

Für früchte leeres stroh und schaalen vorgetragen;

Als er durch phantasey zum pfauen sich gemacht/

Der erden aber gar die träume beygebracht:

Daß unsre leiber sich im grabe zwar verzehren/

Die seelen aber stets in frische cörper kehren.

Doch wer das grosse buch gelehrter welt gesehn/

Und weiß/ wie man das gold mit kupffer kan vermengen/

Was dem und jenem offt für unrecht ist geschehn;

Wie schlang und nattern auch an balsam-stauden hängen/

Wird lernen/ daß vielleicht die dinte neuer zeit

Auch seiner lehren grund mit flecken überstreut;

Weil doch die wanderung der seelen auff der erden/

Uns nach gewisser art noch kan erwiesen werden.

Ich will vor dieses mahl mit meiner einfalt nicht

Der pfuschernden natur in ihre kammer steigen;

Wie sie aus steinen drach- und tieger-thiere bricht/

Aus blumen vögel kan/ aus pflantzen lämmer zeugen:

Ich untergrüble nicht die unerhörte that/

Wie Gott ein lebend weib in saltz verwandelt hat:

Denn ieder mensch führt selbst das uhrwerck in den händen/

Das seine seele kan aus ihrem circkel wenden.

Die erste wanderung/ die Adam vor sich nahm/

Geschah durch seinen fall/ in einen solchen pfauen:

Drum kont er/ da der Herr in garten wieder kam/

Auch mehr nicht ohne scham auff seine füsse schauen.

Wer weiß nicht/ wie sein sohn zum wolffe sich gemacht/

Da sein verdammter grimm den bruder umgebracht?

Und wie er endlich gar nach ausgeführtem morden/

Vor angst und zittern ist zu einem hasen worden?

Was diese vorgethan/ wird heute noch erfüllt.

Wir sterben tausendmal an sitten und geberden.

Ja/ wenn aus Capua nur wollust-zucker qvill't/

Muß selber Hannibal zu einem Nero werden.

Ein Alexander reist bey weibern und bey wein

Ein wunderwerck der welt durch feur und flammen ein:

Warum? dieweil sein geist bey purpur und bey kronen/

Auch gleichwohl muste noch in einem sclaven wohnen.

Was giebt wohl mancher nicht vor blinde possen an/

Wenn Moden und Pariß ihm seinen kopff verrencken?

Denn was ein andrer offt im lande kauffen kan/

Holt er von Brüssel her/ die jungfern zu beschencken;

Ja solt es auch nicht mehr als Serviteur nur seyn/

So mischt er dennoch stets von Franckreich etwas ein:

Was wunder ist es dann? wenn alle kinder lachen/

Daß seine grillen ihn zu einem affen machen.

So ändert sich der mensch durch hochmuth/ zorn und wein.

Was thut die liebe nicht/ die fürstin aller sachen?

Wenn sie/ wie Circens mund/ durch ihrer flammen schein/

Aus klugen narren kan/ aus narren kluge machen.

Ich ruffe Jupitern hier nicht zum zeugen an/

Den sie in einen stier und schwan verwandeln kan:

Denn die verliebte welt wird wohl am besten wissen/

Wer Simson seinen geist und ihr das hertz entrissen.

Der erste funcken-glut/ der in der brust entspringt/

Heist auch die seele gleich aus ihrem lager rücken.

Drum kan Antonius/ da ihn August umringt/

Vor grosser liebes-brunst nicht mehr den degen zücken:

Denn weil Cleopatra ihm geist und seele nimmt/

Und seine tapfferkeit auff ihren lippen schwimmt/

So muß er endlich nur wie weiber auch verderben/

Und lieber durch sich selbst als vor dem feinde sterben.

Diß alles aber ist so wunderns-würdig nicht/

Als wenn sie hochzeit läst mit alten müttern machen.

Da wird das dürre maul in falten eingericht/

Die augen fangen gar mit purpur an zu lachen.

Und wenn der lippen schnee/ der stirne hyacinth/

Und ihrer wangen pracht durch schmincke sich verbindt/

So solten nach der zeit wohl tausend blinde schwehren/

Daß sich ein altes weib in jungfern kan verkehren.

Was sie bey frauen thut/ ist männern auch gescheh'n/

Wenn sie den grauen bart/ wie mutten/ sich versengen/

Mehr auff ein bißgen fleisch als alle wohlfarth seh'n/

Und ihren lebens-rest an junge mädgen hängen.

Ihr gantzes wesen stirbt. Die füsse kriegen krafft/

Die peltze werden fort/ die krücken abgeschafft;

Und keiner lässet sich Actäons fall erschrecken/

Da doch die meisten offt in seinem kummer stecken.

Dem grauen alter folgt die seele junger welt.

Wie wandert nicht der geist der kühnen junggesellen?

Und wie die jungfern nicht? wenn eigensinn und geld

Ihr hertze/ wie das maul den elephant/ verstellen.

Da soll ein Edelmann/ und hier ein Doctor seyn.

Die schönheit nimmt sie so wie tyger kugeln ein;

Biß endlich fall und zeit den vorhang weggezogen/

Und auff den spiegel schreibt: Mein bild hat mich betrogen.

Diß thut die phantasey. Doch reine liebes-glut

Pflegt unsern seelen-stern weit anders zu versetzen.

Denn vor die dienste/ die ein frommer Jacob thut/

Muß Rahels süsser mund mit küssen ihn ergetzen.

Man giebt das hertze zwar als einen sclaven hin;

Doch zeigt das ende nichts als wucher und gewinn;

Wenn seele/ mund und brust in einen klumpen fliessen/

Und ihre wanderung in weichen federn schliessen.

Hochwerth-geschätztes paar/ heut ist das helle licht/

Das meinem urtheil kan den wahren anstrich geben;

Indem eur treues hertz in frische flammen bricht/

Und eure geister sich aus ihrer wohnung heben.

Denn seine seele fleust in ihre marmel-brust/

Sie läst ihr vaterland/ und sucht am kriege lust/

Zu zeigen/ daß auch Mars zum engel an geberden/

Aus priester-wittben gar kan eine Pallas werden.

Die liebe hat fürwahr was grosses hier gethan/

Der himmel aber mehr; indem er sie gebohren.

Drum glaubt: daß eur magnet sich nicht verirren kan;

Weil er ihm selber Gott zu seinem stern erkohren.

Die bunte tulipe/ der blumen gröste zier/

Bringt jährlich eine tracht von neuen farben für;

Eur frühling aber wird in seinen garten schreiben:

Die liebe muß allein bey einer farbe bleiben.

So schickt die leiber nun auch den gedancken nach/

Und kühlt die strenge glut mit perlen und jesminen.

Cupido putzet schon das theure schlaff-gemach/

Und wil euch bey der lust mit marcipan bedienen.

Womit er selber nur mit augen möge seh'n/

Ob dem Pythagoras nicht unrecht ist gescheh'n/

Und ob es möglich sey/ daß vor drey vierthel jahren

Eur leben könne noch in einen cörper fahren.



(* 27.03.1665, † 15.08.1729)




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