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Die Wellenbraut


Wenn der Schiffer Abends gleitet

Auf des Meeres klarer Fluth,

Wenn die Netze ausgebreitet,

Und der Jüngling träumend ruht;

Da vernimmt er aus der Tiefe

Wunderlieblichen Gesang,

Und ihm ist, als ob ihn riefe

Der geheimnißvolle Klang.

»Tief im Meeresgrund gefangen

Bin ich armes, bleiches Kind

Nimmer fächelt meine Wangen

Hold und süß der Abendwind;

Nimmer schau ich Baum und Blüthen

Und die Erd′ ist doch so reich!

Well′umflossen muß ich hüten

Der Korallen starr Gezweig.

Perlen schimmern mir zum Hohne,

Gluthen sprühn Demanten aus,

Denn die Gaben jeder Zone

Einet mein krystall′nes Haus.

Strahl der Sonne, Sternenschimmer,

Mondesglanz ist fern dem Blick,

Und die Tiefe sendet nimmer

Ihren Raub dem Licht zurück.

Als der Liebste kam gezogen,

Heim zu führen seine Braut,

Gab das Rauschen nur der Wogen

Antwort auf der Sehnsucht Laut.

Aus dem kalten Fluthenbette

Dringt kein Liebeston empor,

Und er sucht Vinetas Stätte,

Die das Meer zur Beut′ erkor.«

Also tönt das holde Singen

Und der Jüngling schweigt und lauscht,

Bis die Töne süß verklingen,

Leise nur die Woge rauscht.

Zu dem Kreise der Genossen

Kehrt er heim in tiefer Nacht,

Trübe sinnt er und verschlossen

Und sie flüstern bang und sacht:

Weh! der Arme ist verloren!

Zaubersang hat ihn bethört,

Er, am heil′gen Tag geboren,

Hat die Wellenbraut gehört.«

Wo Vinetas Trümmer ragen

Hoch empor aus klarer Fluth,

Hört der Schiffer oft die Klagen,

Tief entzündend Liebesgluth.

In die hellen, kalten Wogen

Wirft er Blüth′ auf Blüth′ hinab,

Bis ihn Sehnsucht nachgezogen

In Vinetas Fluthengrab.

Doch die bleiche Wellenschöne

Hört mit Klagen nimmer auf;

Sehnend, lockend ziehn die Töne

Immer noch zum Licht herauf.



(* 26.11.1815, † 18.07.1892)




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