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Der Löwe in Florenz


"Der Löw′ ist los! Der Löw ist frei!

Die ehernen Bande riß er entzwei!-

Zurück, daß ihr den vergeblichen Mut

Nicht schrecklich büßet im eigenen Blut!"

 

Und jeder suchet mit scheuer Eil′

In des Hauses Innern Schutz und Heil;

 

Auf Markt und Straßen rund umher

Ward′s plötzlich still und menschenleer.

 

Ein Kindlein nur, sein unbewußt,

Verloren in des Spieles Lust,

Fern von der sorglichen Mutter Hand,

Saß auf dem Markt am Brunnenrand.

 

Wohl viele sahen von oben herab

Sie schauten geöffnet des Kindleins Grab;

 

Sie rangen die Hände und weinten sehr

Und blickten zagend nach Hilf′ umher.

 

Doch keiner wagt das eigene Leben

Um des fremden willen dahinzugeben;

Denn schon verkündet ein nahes Gebrüll

Das Verderben, das jegliches meiden will.

 

Und schon mit rollender Augen Glut

Erlechzt der Löwe des Kindleins Blut,

Ja, schon erhebt er die grimmige Klau′n

O qualvoll, herzzerreißend zu schau′n!

 

So rettet nichts das zarte Leben,

Dem gräßlichsten Tode dahingegeben?

Da plötzlich stürzt aus einem Haus

Mit fliegenden Haaren ein Weib heraus.

 

"Um Gottes Willen, o Weib, halt ein!

Willst du dich selbst dem Verderben weih′n?

Unglückliche Mutter, zurück den Schritt!

Du kannst nicht retten, du stirbst nur mit!"

 

Doch furchtlos fällt sie den Löwen an,

Und aus dem Rachen mit scharfem Zahn

Nimmt sie - das unversehrte Kind -

In ihren rettenden Arm geschwind.

 

Der Löwe stutzet, und unverweilt

Mit dem Kinde die Mutter von dannen eilt.

 

Da erkannte gerührt so jung wie alt

Des Mutterherzens Allgewalt

Und des Leuen großmütigen Sinn zugleich;

Doch manche Mutter von Schrecken bleich

Sprach still: "Um des eigenen Kindes Leben

Hätt′ ich auch meines dahingegeben."



(* 24.06.1769, † 01.06.1820)




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