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Liebesnacht


Das war die Nacht, die aller Nächte Preis —

erinnerst du dich noch an unser Zimmer?

Die kleine Gasse draußen lag so weiß

und blank im maienkühlen Mondenschimmer.

Wie atmend bauschten sich und wogten leis′

die bleichen Stors, durchrieselt von Geflimmer

und über Dächer kam in vollen Wogen

blühender Gärten feuchter Duft gezogen.

 

Da waren wir zum erstenmal allein

in solchem Frühling und zu solcher Stunde;

in schlanken Kelchen schäumte kalter Wein,

Orangen bluteten aus kühler Wunde;

die Kerzen gaben lieben, blassen Schein,

nur manchmal wehten Worte uns vom Munde,

und wie sie tief in unsre Seelen sanken,

erblühten sie zu südlich reichen Ranken.

 

Und dann — ich weiß nicht mehr, wie alles kam —

wie zögernd sich dein sanftes Blut erwehrte,

als ich, die Rosen jäh erblühter Scham

beseligt pflückend, höchste Gunst begehrte.

Ich weiß nur, daß ich alles Süße nahm:

das gern Gegebene und kaum Gewährt;

un daß wir dann in einen traumlos-tiefen,

erlösten Schlummer Brust an Brust entschliefen.

 

Oh, nicht für lange — immer wieder trieb

zu jähem Aufruhr uns erneutes Sehnen,

und leise Frage: "Hast du mich denn lieb?"

heischte Beweise, gab uns Lust und Tränen,

und dann wie Pferde unter heißem Hieb

griffen die Sinne aus in roten Mähnen,

und wie sie, unsern Willen schleifend, rannten,

lechzten die Lippen und die Lider brannten.

 

Dann kam der Morgen, mählich, ungeglaubt,

herbeigeschleppt von grauen Geisterhänden —

der kleine Raum, der Dunkelheit beraubt,

umwuchs uns kalt mit fremden Gegenständen.

Da standen unsre Worte wie entlaubt

und ausgehölt von brünstigem Verschwenden,

und unsre müden Sinne, wunden Nerven

begannen, sich für Häßliches zu schärfen.

 

Da war des Tisches wüst verschobnes Tuch

und da noch Wein, daß er getrunken werde,

dort einer halben Frucht verwester Bruch;

und welcke Blumen lagen auf der Erde —

ein faulig-süßlich-gestriger Geruch,

eine erstickte, grinsende Gebärde —

Ich weiß nicht mehr, wie wir aus jenen Stunden

in unsre Liebe wieder heimgefunden.



(* 17.04.1881, † 03.04.1932)




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