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Ich bin ein Kind der Stadt


Ich bin ein Kind der Stadt. Die Leute meinen,

Und spotten leichthin über unsereinen,

Daß solch in Stadtkind keine Heimat hat.

In meine Spiele rauschten freilich keine

Wälder. Da schütterten die Pflastersteine.

Und bist mir doch ein Lied, du liebe Stadt!

 

Und immer noch, sooft ich dich für lange

Verlassen habe, ward mir seltsam bange,

Als könnt′ es ein besond′rer Abschied sein;

Und jedesmal, heimkehrend von der Reise,

Im Zug mich nähernd, überläuft′s mich leise,

Seh′ ich im Dämmer deine Lichterreihn.

 

Und oft im Frühling, wenn ich einsam gehe,

Lockt es mich heimlich-raunend in die Nähe

Der Vorstadt, wo noch meine Schule steht.

Da kann es sein, daß eine Straßenkrümmung,

Die noch wie damals ist, geweihte Stimmung

In mir erblühen macht wie ein Gebet.

 

Da ist der Laden, wo ich Heft und Feder,

Den ersten Zirkel und das erste Leder

Und all die neuen Bücher eingekauft,

Die Kirche da, wo ich zum ersten Male

Zur Beichte ging, zum heil′gen Abendmahle,

Und dort der Park, in dem ich viel gerauft.

 

Dann lenk′ ich aus den trauten Dunkelheiten

der alten Vorstadt wieder in die breiten

Gassen, wo all die lauten Lichter glühn,

Und bin in dem Gedröhne und Geschrille

Nur eine kleine ausgesparte Stille,

In welcher alle deine Gärten blühn.

 

Und bin der flutend-namenlosen Menge,

Die deine Straßen anfüllt mit Gedränge,

Ein Pünktchen nur, um welches du nicht weißt;

Und hab′ in deinem heimatlichen Kreise,

Gleich einem fremden Gast auf der Reise,

Kein Stückchen Erde, das mein Eigen heißt.



(* 17.04.1881, † 03.04.1932)




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