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Die Frau des Alternden


Es ist nicht mehr wie in den ersten Jahren,

da sie einander liebten, überreich —

ein Frühherbstschimmer, wie der Reif so bleich,

ruht heute schon auf seinen müden Haaren,

doch s i e blieb unversehrt und mädchengleich.

 

Und immer noch, wenn sie auf Wiesen gehen,

und sie sich eng an seine Schulter lehnt,

weiß er, daß sie nichts anderes ersehnt,

als dies: mit ihm auf ihren jungen Zehen

durchs Land zu schreiten, das sich blühend dehnt.

 

Da ist sie noch ganz s e i n — auch in den Nächten,

wenn schwerer Duft von dunkeln Beeten weht.

Und seiner Inbrunst, die schon fast Gebet,

begegnet sie im Golde loser Flechten

und gibt ihm reicher, als er selbst erfleht.

 

Doch wenn des Abends einmal Geigen klingen

und ihr geschmeidig schlanke Tänzer nah′n

da sieht sie ihn so fremd und fragend an,

da ist sie plötzlich voll von fernen Dingen,

wie einem andern Zauber aufgetan.

 

Und wenn sie dann aus sehnig-heißen Armen

zu ihm zurückkehrt, der so sehr allein,

hat sie ein Lächeln, heimlich, kühl und fein,

und Blicke voll verschwiegenem Erbarmen

und Worte wie Verzichten und Verzeih′n.



(* 17.04.1881, † 03.04.1932)




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