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Casanova


Die Zeiten, gnädige Frau, sind längst vorüber,

da Liebe noch des raschen Mutes Lohn —

Beim großen Gott — ich ginge lieber,

den Degen am Gehenk, im stählernen Plastron,

und säh′ ich wo in einer Abendstunde

ein Weib von Ihrer Huld und Zier,

dann wagt′ ich meinethalb die Todeswunde

im Waffengang mit ihrem Kavalier,

und es entschiede sich:

Er oder ich —

 

Dann hielte eine Gondel wo im Schatten

und trüge ein verhangenes Gezelt —

der Schrecken stürbe in Ermatten,

ein Körper, den die Furcht entseelt,

zwei Hände lösten mählich sich vom Krampfe,

belebten sich zu keusch verzagter Gunst —

Das übrige vollbrächte meine Kunst

vom ersten Kusse bis zum letzten Kampfe,

indes aus fernen Gärten Saiten stöhnten,

doch nicht so süß, wie ihre Seufzer tönten ...

 

D i e Zeiten, gnädige Frau, sind längst vorbei —

heut′ lohnt den raschen Mut die Polizei,

doch nicht so süß wie ehedem die Liebe.

Der Degen mangelt, und Spazierstockhiebe

verletzten zwar, doch machen sie nicht frei —

und dann, Ihr kühner Kavalier! — O weh —

Pardon — das war vielleicht ein wenig roh —

ich sah mit ihm Sie gestern im Cafè —

Hochsommernacht — und er — im Paletot ...

 

Wenn ich bedenk′, daß dieser greise Blick

nach deiner jungen Schönheit geilt,

daß dies Geripp′ in deinem Zimmer weilt

und dich entkleiden hilft mit Ungeschick

und dich dann sieht, wenn alles schon gesunken

und nur die letzte Seide zögernd träumt

dem Tropfen gleich, der an der Blüte säumt,

weil er von ihrem Duft nicht satt getrunken —

wenn ich bedenk′, daß "er" dich künstelnd zwingt!

zu sinnberaubten, rauschlosen Gebärden,

statt daß sich jubelnd dir der Schrei entringt:

"Jetzt will ich sterben oder Mutter werden!" —

Beim großen Gott, dann trag′ ich′s länger nicht

und werfe ihm den Handschuh ins Gesicht,

und es entscheide sich:

Er oder ich —

 

Sie lächeln, gnädige Frau? Mag sein. Ich bin ein Schwärmer.

Und doch — ist man bei kluger Nüchternheit

nicht auch um manches heiße Prickeln ärmer — ?

Ich träum′ mich gern in eine reich′re Zeit,

da′s mehr Gefahren gab und mehr Courage:

Da forscht′ ich, wollt′ ich Ihren Gatten schonen,

durch meinen Mohren, wo Sie wohnen;

dann schlich′ im Zofenkleid mein blonder Page

in Ihr Gemach mit manchem Liebespfand.

Ich selber nahte mich — vielleicht im Dome,

vielleicht im Karneval, im Maskenstrome

und drückte heimlich Ihre süße Hand.

 

Und endlich dann in Sternensommernächten,

Sie am Balkon — um Ihre losen Flechten

das Mondlicht silbernd und wie Wellen kühl —

im Garten ich - mit Schwert und Saitenspiel,

gleich gern bereit, zu singen und zu fechten ...

Und dann ein Zögern, Flüstern, Für und Wider —

o edle Scham, du keusche Kupplerin —

dann glitte d o c h die seid′ne Leiter nieder

und — Ich vergesse, wo ich wirklich bin — —

das Leben ist banal und kostet Überwindung —

mein Mohr, mein blonder Page sind dahin —

mir bleibt ein Dienstmann und die Postverbindung ...

 

Drum gnädige Frau: Wenn Sie der Unbekannte

von gestern abends im Café

interessiert, beglückt ihn ein Billet:

Adresse, "Casanova", Post′ restante. —



(* 17.04.1881, † 03.04.1932)




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