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Heimkehr


Todesahnung.

 

Hoch über Innsbrucks Thalgrund, auf einem Felsenstück

Saß Kaiser Max ganz einsam, mit still gesenktem Blick,

Die Armbrust an der Seite, im grünen Jagdgewand,

Und auf dem leichten Hütlein Gemsbart und grünes Band.

 

Horch, alter, wackrer Schütze, und hört es nicht dein Ohr?

Der Jagdgenossen Rufen, des Trosses Jubelchor!

Auf, auf! und sieht du’s nimmer, wie dort der Gemsbock springt,

Daß von den Eisenklauen der harte Felsen klingt!

 

Wie regungslos und ruhig der greise Jäger sitzt!

Die grauumlockte Stirne sanft auf die Hand gestützt,

Das Auge bald hinunter starr auf die Stadt gebannt,

Bald wieder fernhin schweifend durchs weite Tyrolerland.

 

Die Gemsen kommen näher und weiden rund um ihn,

Bald lagern sie als Heerde sich rings um weichen Grün

Und sehn mit schwarzen Aeuglein ihn traut und furchtlos an:

Du thust uns wohl kein Leides, du alter kranker Mann!

 

Max pflückt von seinem Hute Gemsbart und Seidenband

Und läßt die schmucke Armbrust entsinken seiner Hand:

»Leb’ wohl, du lust’ge Zierrath, verweh’ nun durch die Luft!

Leb’ wohl, du treue Büchse, ruh’ in des Thales Gruft!

 

Du Wonne meiner Jugend, kühnkräft’ge Weidmannslust,

Auch du kannst mir jetzt nimmer erfreun die welke Brust;

Denn ach, ich fühl’s, ich selber bin ein gehetztes Wild,

Der Tod der grimme Scharfschütz, deß zielend Rohr mir gilt.«

 

Und als der Kaiser wieder heim in die Hofburg kam,

Da streckt’ er auf das Sammtbett die Glieder, müd’ und lahm:

»Heda, Freund Kellermeister, und schenkt mir hurtig ein

Dort den kristallnen Becher mit bestem Rheinfallwein.«

 

Max nippt am vollen Kelchglas mit herbverzognem Mund:

»Hinweg dieß saure Tränklein! den Gaumen beizt es wund!

Am Blocksberg scheint’s gewachsen, doch nicht am lauen Rhein;

Füllt mir den zweiten Becher mit allerbestem Wein.«

 

Max nippt am zweiten Becher und wirft ihn, zornerglüht,

Zu Boden, daß er splitternd rings goldne Tropfen sprüht:

»Ha, leb’ ich euch zu lange, wollt ihr mich todeskrank

Und schnell mein Blut vergiften mit solchem Höllentrank?«

 

Schon blinkt der dritte Becher voll Weines hell und klar,

Daß jedem Zecherherzen schon Lust der Anblick war,

Wie hell in duftigen Perlen der Born im Glase schwoll

Und leuchtend durchs Kristallhaus gleich flüssigem Golde quoll.

 

Der Kaiser faßt das Kelchglas und nippt zum drittenmal

Und stellt gleich vor sich nieder verdrießlich den Pokal:

»Der Trank ist herb und schneidend wie bittres Schierlingskraut,

Als hätt’ aus giftigem Unkraut ihn Satan selbst gebraut.«

 

»Beim Himmel!« rief kopfschüttelnd der Kellermeister drauf,

»Kein edleres Gewächse sproßt’ je am Rheinstrand auf;

Seht nur den Wein, wie duftig! Wie hell er blinkt und blitzt!

Der ist vom besten Fasse, darauf die Katze sitzt.«

 

Max aber murmelt leise: »Der Mann hat wahrlich recht,

Der Wein ist gut und edel, der Trinker nur ist schlecht!

Kein Trank mehr will mir munden, kein Brod behagt mir gut,

Mir frommt nur eine Nahrung, nur Christi Leib und Blut!«

 

Und sinnend schritt der Kaiser nun aus der Burg hinaus;

Nicht ferne läßt er bauen ein prächtig neues Haus,

Nun will er sich’s besehen, ob schon das Werk gedeih’,

Wie weit vom wackern Meister der Bau gefördert sei.

 

Und ringsum wallt er prüfend und ruft dann scheltend aus:

»Ihr Männer, ei was baut ihr da für ein Schneckenhaus!

Die Säulenschaar wie winzig! wie enge Hall’ und Saal,

Und dunkel wie ein Kerker, gemieden vom Tagesstrahl!«

 

Der Meister zog das Käppchen: »Erhabner Herr, verzeiht,

Kein schöner Haus, Gott straf’ mich, steht in der Christenheit;

Die Säulen hoch wie Cedern, der Saal hell wie ein Tag,

Die Wölbung fest wie Felsen und leicht wie Laubendach.«

 

Da lispelt still der Kaiser: »Der Mann hat wahrlich recht,

Es ziemt ein winzig Häuschen dem winzigen Geschlecht;

Den Bau doch eurer Hände kann ich mit Lust nicht schaun,

Drum eine bessre Wohnung will ich mir selber baun.«

 

Drauf winkt er einen Schreiner ganz insgeheim zu sich:

»Auf, Meister, auf, und zimmert flink einen Sarg für mich,

Schließt wohl in eine Truhe den Eichensarg dann ein,

Und bringt zur Burg mir heimlich den fertigen Todtenschrein.«

 

Den Sarg stellt Max zum Bette, wenn Schlaf sein Aug’ beschlich,

Und mußt’ er auf die Reise, den Sarg nahm er mit sich;

Oft lispeln leise fragend die Höflinge sich zu,

Was wohl für Schätze berge die seltne Eichentruh’.

 

Einst saß im Abenddunkel Max vor dem Sarg allein

Und sprach mit dumpfer Stimme ins dunkle Haus hinein:

»Ei, vielgereister Ritter, die Herberg’ winkt dir schon,

Ei, thronenreicher Kaiser, sieh hier den letzten Thron!

 

In dich, du Haus des Todes, begraben und versenkt

Sei’n all die eitlen Flitter, die mir die Welt geschenkt!«

Was rings an edlen Schätzen manch schmucker Schrein verbarg,

Faßt er nun bitter lächelnd und senkt es in den Sarg.

 

Den reichen Purpurmantel und Kron’ und Edelstein,

Und goldne Kett’ und Zepter versenkt er tief hinein;

Da flog von rückwärts plötzlich ein Schellenhut dazu,

Der schwere Eisendeckel fiel donnernd auf die Truh’.

 

Aufsprang ergrimmt der Kaiser und wandte sich zurück,

Da stand Kunz von der Rosen vor ihm mit fleh’ndem Blick,

Doch Max stand flammenäugig und rief in Zorneshast:

»Fort! hebe dich von hinnen, langweil’ger, blöder Gast!«

 

O armer, treuer Kunze, wie brach dir jetzt das Herz,

Wie schnitt dir durch die Seele der größte, herbste Schmerz!

Ach, wie dein altes Auge von bittren Thränen quillt,

Und wie dem grauen Burschen die Brust von Seufzern schwillt!

 

Der Kaiser sieht ihn weinen, er sieht’s mit innrer Qual,

Durch seine Seele leuchtet der Reue milder Strahl,

Sein jähes Wort verwünscht er und rief’s nun gern zurück

Und stürzt an Kunzens Busen mit feuchtem Wehmuthblick:

 

»Vergib! Jetzt fühl’ ich’s doppelt, bald mach’ ich ew’ge Rast!

Denn Alles, was mit Freude, mit Lieb’ ich sonst umfaßt,

Ein Weltmeer voller Trümmer liegt’s jetzt mir ausgespannt,

Selbst deiner Treue Anker schien morsch in meiner Hand.

 

Der Baum, der nicht den Boden, der ihn gebar, mehr liebt,

Die Erde, die ihm Nahrung, der Thau, der Trank ihm gibt,

Die Lüfte, die des Mittags ihm sanfte Kühlung wehn,

Ein solcher Baum, beim Himmel! kann nimmer lange stehn.«

 

Da schlich der Mond ins Zimmer und sah, wie Hand in Hand

Mit Kunz, dem Vielgetreuen, der alte Kaiser stand,

Und sah zwei edle Häupter, ergraut allbeide schon,

Vom Schellenhut das eine, das andre von der Kron’.

Abfahrt von Innsbruck.

 

Am Innstrand harrt ein Schifflein beim ersten Frührothschein,

Da stieg, verhüllt im Mantel, der kranke Kaiser ein,

Die treue Eichentruhe lehnt düster neben ihm,

Fort schießt im raschen Strome das Schiff mit Ungestüm.

 

Am Strande murmelt fragend nun Innsbrucks Volk im Kreis:

Wohin so schnell und eilig, du düstrer Kaisergreis?

Da schien von Maxens Lippen das Wort zurückzuwehn:

Lebt wohl, lebt wohl! Nach Oestreich will ich nun sterben gehn!

 

Es lehnt am Eichensarge sein Haupt, von Sorgen schwer,

Zum Himmel blickt er düster und düster rings umher:

»Du schönes Land, dich liebt’ ich so treu und inniglich,

O wüßt’ ich nur, ob glücklich mein Volk auch sei durch mich!«

 

Die Fluth umrauscht das Schifflein, und schnell vor Maxens Blick

Fliehn Thäler, Berg’ und Flächen, Gehöft’ und Stadt zurück;

Wohin er blickt, sprießt Leben und Segen, Kraft und Fleiß,

Wohin er horcht, klingt Freude und Jubelsang und Preis.

 

Auf Wiesen klirrt die Sense, in Wäldern knallt das Rohr,

Gewaltige Hämmer stampfen durchs Thal im Donnerchor,

Und aus dem Schlund der Schlöte qualmt’s riesig, dicht und grau,

Da schien auf schwarzen Säulen zu ruhn des Himmels Bau.

 

Und weiterhin dann Felder, die dicht voll Saaten stehn,

Und Heerden, die fröhlich blökend auf grünen Alpen gehn,

Und Mühlen klappernd im Thale, von Fluthen rasch getrieben,

Die, sprühend, an den Rädern als Sternenregen zerstieben.

 

Und rings auf allen Straßen lebendiges, heitres Drängen!

Da stäubt’s von flinken Reitern, die rasch zum Ziele sprengen,

Da knarrt des Fuhrmanns Achse, von Fracht des Segens schwer,

Und Wandrer wallen singend die sichre Bahn einher.

 

Mit lustigem Ruderschlage, mit flatternden Wimpeln ziehn

Im Strom viel rüstige Schiffe, wohl kreuzend her und hin,

Von Schätzen voll und Waaren, reich bis zum tiefsten Raum;

Doch Maxens Schiffer grüßen, nun stolz, die Brüder kaum.

 

Sieh dort vor dem Gehöfte, in frischer Trift gelegen,

Spricht heitern Blicks ein Landmann just über sein Kind den Segen

Und lehrt’s, in Drang und Nöthen sein Herz zu Gott zu wenden

Und beten für gute Fürsten mit aufgehobnen Händen.

 

Und Städte stehn am Ufer mit Mauern, schmuck und weiß,

Glück wandelt durch die Straßen, in Häusern rauscht der Fleiß,

Manch blühend, nickend Antlitz grüßt aus den Fenstern hervor,

Und läutende Glocken tönen wie Dank an Maxens Ohr.

 

Noch lehnt am Eichensarge sein Haupt, von Alter schwer,

Doch selig blickt er aufwärts und selig rings umher;

Wohl tief hat er verstanden der Antwort stummen Ruf

Und fragt nicht mehr, ob glücklich sein treues Volk er schuf?

Das Vermächtniß.

1519.

 

Wie’s durch der Hofburg Gänge zu Wels geschäftig wallt

Von Kriegern und von Rittern und Edlen mannigfalt,

In Wappenschmuck und Goldwamms, in Seidenrock und Stahl,

All’ auf den Zehen schleichend zum hohen Fürstensaal!

 

Da liegt im Krankenlager der Kaiser hingebeugt,

Zum welken, zitternden Arme sein greises Haupt geneigt,

Vom Auge karg beleuchtet das bleiche Angesicht,

Wie Trümmer eines Altars im fahlen Mondenlicht.

 

Gleichwie in Fürstengrüften Standbilder still und stumm,

So steht an Maxens Lager der Edlen Kreis ringsum;

Auch Kunz bei solcher Trauer? die lustige Rose da?

Im Herzkelch froher Rosen lauscht manche Thräneja!

 

Da stand der kühne Freundsberg, vom Schlachtenrauch gebräunt,

Da stand, die Stirne furchend, Pfinzing, der Weisheit Freund,

Auch Karl, des Kaisers Enkel, stand schön und blühend da,

Sein finstrer Blick schon jetzo stets nur zu Boden sah.

 

Da stand derDietrichsteiner, das Herz von Trauer schwer,

Den Max aus voller Seele geliebt, wie Keinen mehr,

Deß Geist, gleich Zwillingssternen, gewallt mit Maxens Geist,

Deß Herz, ein heiliger Tempel, nur Maxens Bildniß weist.

 

Der Kaiser, warm und innig, faßt nun des Freundes Hand:

»Was laß’ ich deiner Treue als meiner Treue Pfand?«

»O Herr,« so klingt die Antwort, »rief einst der Tod mich ab,

Sei mir zu euren Füßen vergönnt ein einsam Grab!«

 

Aufrichtet sich der Kaiser und lächelt mild und nickt

Und fühlt von Kraft noch einmal sein innerst’ Mark erquickt,

Noch einmal flammt sein Auge in alter Gluth empor,

Und kräftig aus dem Busen tönt nun sein Wort hervor:

 

»Fried’ ist’s in allen Landen, dem Ew’gen Dank und Preis!

Es sehnt sich nach dem Frieden nun auch der müde Greis;

Bald werd’ ich trunknen Auges vor seiner Wohnung stehn

Und durch kristallne Pforten zu Licht und Frieden gehn.

 

Nicht Zepterglanz noch Purpur, nicht eitle Kronenzier,

Nicht stolzer Wappenflitter prang’ auf dem Sarge mir;

Ein weißes Kreuz, ganz einfach, auf schwarzem Grund allein,

Das ist der Menschheit Wappen, das soll mein Sargschmuck sein!

 

Nach Neustadt führt die Leiche dann still im Trauerwagen,

Den frommen Bürgern sollt ihr mein letztes Grußwort sagen;

Dort stand einst meine Wiege, dort soll mein Sarg auch stehn,

Im Schooß der Mutter ruht ja das todte Kind so schön!

 

In Neustadts Burgkapelle, hart unterm Altarstein,

Soll dann, bestreut mit Asche, versenkt mein Leichnam sein,

Daß grad’ ob meinem Herzen die Priester opfernd stehn,

Und meines Volks Gebete noch meinen Sarg umwehn.

 

Des Schicksals Drang und Sehnsucht trieb mich von Süd zu Nord,

Gen Osten und gen Westen durch alle Lande fort,

Jetzt kehr’ ich fröhlich wieder zur heimatlichen Flur,

All meine Fahrten waren ein weiter Umweg nur! –

 

Du aber, Karl, mein Enkel, o trete näher mir,

Horch, aus dem Mund des Todes spricht Wahrheit nun zu dir;

Denn weh der argen Lippe, die im Erblassen lügt,

Und weh dem schnöden Antlitz, das noch erlöschend trügt!

 

Des Bluts, der Liebe Bande zerriß der Tod mir schon,

Dir, Nächstem meines Stammes, leg’ ich aufs Haupt die Kron’;

O denke, daß du wieder dem Tod sie überbringst,

Wie du sie aus den Händen des Todes nun empfingst.

 

Wohl Mancher hat’s vergessen, vom tollen Wahn erfaßt,

Weh ihm! auf wundem Schädel drückt’s ihn wie Centnerlast!

Wohl meint der Thor, ihn presse die plumpe Wucht der Kron’,

Doch schwereres Gewicht ist’s: der Menschheit Fluch und Hohn!

 

Leicht trug ich meine Krone, sie ließ kein Wundmal mir,

Und wär’s auch, sie bedeckt es mit grüner Lorberzier;

Denn Kraft und Recht und Glaube war Losung meiner Zeit,

Mein Schwert und Herz, die standen als Kämpfer treu im Streit.

 

Dich rufen andre Kämpfe, die Schwerter rosten ein,

Ein Kampf wird’s der Gedanken, der Geist wird Kämpfer sein;

Ein schlichtes Mönchlein predigt zu Wittenberg im Dom,

Da bebt auf altem Thronsitz der Mönche Fürst zu Rom.

 

Ein neuer Dom steigt herrlich in Deutschland dann empor,

Da wacht mit Lichteswaffen der heiligen Streiter Chor,

An seinen Pforten möge der Spruch des Weisen stehn:

Ist’s Gottes Werk, wird’s bleiben, wo nicht, selbst untergehn!

 

Am Altar weht ein Flämmchen, die Flamme wächst zur Gluth,

Zur riesigen Feuersäule, rothlodernd fast wie Blut!

O fürchte nicht die Flamme, hellprasselnd himmelan!

Ein himmlisch Feuer zündet kein irdisch Haus euch an!

 

Geläutert schwebt aus Gluthen dann der Gedank’ ans Licht

Und schwingt sich zu den Sternen! O hemm’ im Flug ihn nicht,

Frei wie der Sonnenadler muß der Gedanke sein,

Dann fliegt er auch wie jener zu Licht und Sonn’ allein.

 

Doch auf des Lebens Höhe wirst du dann selig gehn,

Wirst ruhig schaun, wenn leuchtend die Opferflammen wehn,

Wirst ruhig schaun, wenn Herzen und Welten Nacht umstrickt,

Und vor sich selbst das Leben im wilden Kampf erschrickt.

 

Und nun, mein Karl, die Hände leg’ ich aufs Haupt dir auf

Und rufe Gottes Segen auf deiner Tage Lauf!

Das Blut in deinen Adern, das Mark in deinem Gebein,

Dein Blick, dein Hauch, dein Pulsschlag, dein Wort soll Segen sein!

 

Gesegnet sei durch Stärke, gesegnet sei durch Kraft!

Sie, die als Arm der Gottheit im Sturm die Meere rafft,

Im Sturz Lavinen auffängt, des Himmels Wölbung hält,

Sei sei’s, die menschlich edel auch deinen Busen schwellt!

 

Gesegnet sei durch Milde! Sie, die als Blum’ entzückt,

Als Lüftchen Thränen trocknet, als Frucht dem Pilger nickt,

Als Thau den Frohnschweiß kühlet, als Mond um Gräber schwärmt,

Sie sei’s, die menschlich edel auch deine Seel’ erwärmt!

 

Gesegnet sei durch Weisheit! Sie, die gebaut die Welt,

Dieß morsche Riesenbeinhaus, und es zusammen hält,

Daß es zugleich als Wiege noch schaukl’ ein neu Geschlecht,

Die Weisheit strahle leuchtend ins Haupt dir Licht und Recht!

 

Gesegnet sei durch Liebe! Sie, die als Taub’ im Flug

Als grünen Zweig vom Himmel den Lenz zur Erde trug,

Sie, die als Rosenkette von Herz zu Herz sich schwingt

Und als demantne Fessel Menschheit und Gott umschlingt;

 

Sie, die als blauer Odem das Rund der Welt umhegt,

Im Mittelpunkt des Erdballs als Puls des Lebens schlägt

Und auf dem Schutt des Weltalls einst steht mit Gott allein,

Die Liebe zieh’ auf ewig ins Herz dir flammend ein!

 

Und dein Geschlecht erblühe, gleich dir, an Segen reich,

Ein Himmel voller Sterne, an Zahl und Licht zugleich,

Ein Frühling voller Blüthen, der Hoffnungen beschwingt,

Ein Herbst voll goldner Früchte, der die Erfüllung bringt!

 

Und nun, lebt wohl ihr Alle! Dank euch, ihr Treuen und Frommen,

Laßt nun, mein Haupt zu salben, den frommen Priester kommen!

Einst ward’s gesalbt, daß minder die schwere Kron’ es presse,

Und jetzt, daß es ertrage den leichten Kranz der Cypresse!«

HeldTheuerdank.

 

Schon strahlt auf alle Lande das Frühroth hell und warm,

Da lehnte Max im Sammtstuhl, ein Buch hielt er im Arm;

Das Buch war’s seiner Thaten, genannt der Theuerdank,

Der Spiegel seines Lebens, sein eigner Schwanensang.

 

Er liest in seinen Thaten! – Der Engel, der gesandt,

Die Augen ihm zu schließen, schwebt schon gen Oestreichs Land.

Er liest in seinen Thaten! – Ihr Fürsten, blickt nun her,

Lernt, was kein Mönch euch lehret, zu sterben so wie der.

 

Er liest, wie Junker Fürwitz oft an des Abgrunds Rand,

In Flammen und in Fluthen zur Kurzweil ihn gesandt,

Und wie der Meuchler Unfall aufs Sturmmeer ihn gesetzt,

Den Fels auf ihn geschleudert, den Leu auf ihn gehetzt.

 

Er liest es, sieht nach oben und preist der Gottheit Kraft,

Die Noth, Gefahr und Drangsal so siegreich weggerafft,

Die ihn aus hartem Kampfe mit Element und Natur

Gesund und glorreich führte, ja doppelt kräftig nur!

 

Er liest nun fort, wie Neidhart, der arge böse Greis,

Ihm gern vom Haupt gerissen so Kron’ als Lorberreis

Und Heere gen ihn sandte, gewaltig zu Roß und Schiff,

Den Gifttrank für ihn mischte und Meucheldolche schliff.

 

Er liest’s, greift an den Busen und preist des Menschen Kraft,

Die herrlich sich bewährte im Kampf der Leidenschaft,

Sie, die im Streit der Herzen sein großes Herz ließ siegen

Und in dem Streit der Schwerter sein Schwert nicht unterliegen.

 

Fort liest er; blühend liegt nun vor ihm die ferne Zeit,

es nahn der Jugend Bilder in Schaaren, dicht gereiht,

Die alten Kampfgenossen entsteigen froh der Gruft,

Und Morgenroth umhaucht sie, Freiheit und Bergesluft!

 

Im weißen Brautgewande, mit grünem Myrthenzweig,

Steht vor dem Kaiserjüngling Prinzessin Ehrenreich;

Da glänzt das Antlitz Maxens hell wie des Morgens Strahl,

»Maria!« schluchzt er leise, – »Maria!« verhallt’s im Saal.

 

Es glüht ein mildes Lächeln auf seiner Wang’ empor,

Und eine helle Thräne bricht aus dem Aug’ hervor;

Es hat sich still zum Busen sein Haupt herabgebeugt,

Und zu den Knieen mählich nun Buch und Hand geneigt.

 

So fanden ihn die Seinen; so saß er regungslos,

Das Denkbuch seiner Thaten lag offen in seinem Schooß;

Mild glomm das letzte Lächeln, das um den Mund ihm stand,

Klar hing die letzte Thräne an seiner Wimpern Rand.

 

Und feuchten Auges knieten jetzt nieder All’ im Kreis

In feierlichem Schweigen um den entseelten Greis. –

Seht, wie ein Fürstenleichnam so herrlich sich verklärt

Und leicht des Schlachtentodes und Trauerpomps entbehrt!

 

Der Tag, da Max gestorben, ist Nacht für Oesterreich,

Gebrochen alle Herzen, jed’ Aug’ an Thränen reich!

Und doch glüht kein Komete, kein Sturm verheert das Land,

Kein Todtenvogel wimmert, kein Städtchen steht in Brand.

 

Nein! glänzend strahlt der Himmel, und Frühlingslüfte wehn,

Voll Reben glühn die Hügel, voll Segen die Thäler stehn,

Frisch grünen Wald und Wiese, die Quellen sprudeln klar,

Im Aether jubeln Lerchen, zur Sonne steigt der Aar!

 

* * *

 

Hart an der Burg zu Neustadt steht eines Schreiners Haus,

Da tönt ein Liedlein täglich in dumpfem Klang heraus,

Der greise Meister singt es in früh’ster Morgenstund’,

Uralt und silberhaarig aus welkem zitterndem Mund.

 

Mehr denn ein halb Jahrhundert ist wohl seither verrauscht,

Seit diesen Sang der Morgen zum erstenmal belauscht;

Zwei Leben hat zum Ziele seither geführt die Zeit,

Der Bürgerpflicht war eines, dem Thron das andre geweiht.

 

Bunt war die Bahn des Königs, kein Tag dem andern gleich,

Nun sonnenhell, nun stürmisch, bewegt und thatenreich;

Einförmig sieht die eigne der Meister vor sich schweben,

Kennt wer sein heutig Handeln, der kennt sein ganzes Leben.

 

Da trat herein zur Werkstatt ein trüber düstrer Mann:

»Auf, Meister! Maxens Leichnam kam heut aus Wels hier an,

Horch, wie ihn Glockenläuten und Priestersang begrüßt!

Rasch für die Kirche bauen sollt ihr das Trauergerüst.«

 

Der Schreiner thürmt die Balken als Leichenbühn’ hinan,

Vom selben Holz stand fertig ein Wieglein nebendran,

Die Späne stäubten sprühend, und Säg’ und Hammer klang,

Dazwischen tönt im Takte des Meisters alter Sang:

 

»Wohin, ihr Reiterheere? Wohin, du trüber Kumpan?

Wohin, ihr Schiffer zu Meere? Wohin, du Krückenmann?

Ob schiffend, hinkend, reitend, All’ hin ins Todtenreich!

Daheim bleib’ ich, bereitend die Särge mir und euch!«



(* 11.04.1808, † 12.09.1876)




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