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Goethe’s Heimgang


Süß mag das Aug’ des Sterbenden sich schließen,

Der Freundesthränen auf der Stirne fühlt,

Die drauf wie eine Todestaufe fließen,

Daß sich der bange Schweiß des Sterbens kühlt.

 

Doch Götterloos ist’s, unbeweint zu scheiden,

Wenn man der Thränen und der Trauer werth!

Wozu soll eine Seele um sie leiden,

Wenn die Vollendung zu den Sternen fährt?

 

Ja, Götterloos ist’s, unbeweint zu scheiden,

Zu scheiden wie der Tag im Abendroth.

Er gab uns Wärme, Licht genug und Freuden,

Und zieht dahin, weil seine Zeit gebot!

 

Zu fallen wie ein Feld voll goldner Aehren,

Die schlank gewallt im grünen Jugendkleid,

Doch nun ihr lastend Haupt zur Erde kehren.

Wer weint darob, daß es nun Erntezeit?

 

In Nacht zu sinken wie des Meeres Wogen,

Drauf Sonnenglanz, Goldwimpel, reiche Fracht,

Gesang und Schwäne tagesüber zogen –

Die Zeit ist um, ihr Recht will auch die Nacht!

 

Und zu zerstäuben wie die flücht’ge Wolke!

Sie hat Gedeihn geregnet auf die Flur,

Den Friedensbogen hell gezeigt dem Volke,

Und löst sich nun in leuchtenden Azur.

 

So schied auch Er, der nun dahingegangen,

Der hohe Mann, der kräft’ge Dichtergreis,

Auf dessen Lipp’, auf dessen bleichen Wangen

Der Kuß des Glücks noch jetzt verglühet leis.

 

Ein kalter starrer Arm, reglos gebeuget,

In dem die goldne Leier lichtvoll blitzt;

Ein greises Silberhaupt, im Tod geneiget,

Drauf immergrün der frische Lorbeer sitzt!

 

Sah dieß mein Aug’, nie konnt’ es Thränen thauen!

Nein, stillbefriedigt, ruhig, glanzerhellt

Mußt’ unabwendbar drauf es niederschauen, –

Fürwahr, durch eine Thräne wär’s entstellt!



(* 11.04.1808, † 12.09.1876)




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