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Der letzte Sieg


Der Fürstenbund.

 

Zwei Bundesheere lagern bei Terouanne im Feld,

Dorthin hat ihre Zelte Franzosenhaß gestellt;

Ha, wie da Englands Banner die Lüfte züngelnd leckt,

Und Deutschlands Doppeladler die mächt’gen Flügel streckt!

 

Der Rhein trennt Deutsch’ und Franken. Ei, Deutscher, welch Wunderpferd

Trug kühnen Sprungs hinüber dich und dein Racheschwert?

Haß war der kühne Springer, das schwarze Flügelroß!

Und weiter fliegt nur Liebe, die Taube mit grünem Sproß.

 

Ein Meer trennt Franken und Britten. Wer hat die Brücke gespannt,

Drauf Englands eh’rne Heere hinziehn ins Franzenland?

Haß nennt sich der Brückenmeister, der bändigt Strom und Belt,

Und Größ’res baut nur Liebe, seht ihren Dom, die Welt!

 

Vor’s Lager hinaus lustwandelt der Völker Fürstenpaar,

Heinrich, der junge Britte, und Max, schon grau von Haar;

Vor ihren Blicken dehnt sich, wie ’n See, so weit und glatt,

Die Ebne von Terouanne fernhin bis Guinegat’.

 

Talbot schritt neben Heinrich, als hätt’ am Himmelszelt

Sich Mars, das blut’ge Sternbild, zum hehren Mond gesellt;

Kunz von der Rosen wallte zur Seite seinem Herrn,

Wie mit dem Sonnengotte der heitre Morgenstern.

 

Max blickte ringsum sinnend; da ward sein Herz so weich:

»Wie ist im Leben Alles so alt und neu zugleich!

Hier kämpft’ ich vor dreißig Jahren, – es war mein erster Sieg!

Hier führ’ ich morgen die Schaaren, – wohl wird’s mein letzter Sieg!

 

Seht dort der Veste Bollwerk, die Warten, Thurm und Thor

Und hier die weiten Fluren, noch ist dieß Alles wie vor;

Der Luft und Erden Antlitz ist noch wie’s damals war,

Nur größer ward der Kirchhof, und bleicher ward mein Haar.

 

Und doch, wie anders Alles! Manch neu Geschlecht entstand,

Der Herbst hat oft gemähet, der Lenz besät das Land,

Die Luft hat gestürmt und gesäuselt, die Sonn’ erlosch und schien,

De alte Haß nur schreitet noch durchs Gefilde hin!«

 

Da fiel ins Wort ihm Heinrich: »»Vergiß die Liebe nicht!

Sie ist’s, die unsre Arme zu festem Bunde flicht;

O lasse fort ihn dauern in ferne ew’ge Zeit!««

Da drückte Max ans Herz ihn: »Ja, Bruder, in Ewigkeit!«

 

In feierlichem Schweigen stand jetzt das Fürstenpaar,

Es schwieg der ew’ge Aether, so tief und blau und klar,

Es schwiegen rings die Fluren, so eben und so weit,

Gleichwie ein stummes Echo des Wortes: Ewigkeit!

 

Denkt euch in den Dom, wo leise des Hochamts Orgel verhallt

Und feierlich beim Sanctus wie Frühlingssäuseln wallt.

Nun nies’t dazwischen Einer, daß tief der Dom erbebt!

Wohin ist die Verklärung, die zu den Sternen schwebt?

 

So zuckt jetzt Kunz und blinzelt und zieht die Stirne kraus,

Gern drängt er’s noch zurücke, umsonst, es muß heraus!

Da schüttelt er laut klingend den Schellenhut am Haupt:

»Ihr Herrn, laßt mich doch hören, wie alt ihr mich wohl glaubt!«

 

»»Zu alt, zweibein’ge Thorheit, um je zu werden klug,

Und doch zu jeder Stunde zum Hängen alt genug!««

So schnarrte Kunzen grimmig der derbe Talbot an,

Doch freundlicher und milder sprach König Heinrich dann:

 

»Auf das Geweih dem Hirsche, dem Gaule auf den Zahn,

Dem Menschen schrieb aufs Antlitz Natur sein Alter an;

Kind! schrieb sie auf die Stirne, Mann! auf die Wange dir,

Liegt Wahrheit in der Mitte? Sprich, Freund, wem glaub’ ich hier?«

 

Drauf Kaiser Max mit Lächeln: »»Spricht unser Sprichwort wahr,

So soll der Mensch sich ändern nach jedem siebenten Jahr;

Doch du, seit ich dich kenne, bist immer Narr geblieben,

Drum mein’ ich stets, du zählest der Jahre noch nicht sieben.««

 

»Ei, wie ihr schmeichelt! Ich zähle mehr als zweihundert doch!

Die Bünde von Blois und Cambray, die überlebt’ ich noch!

Geschlossen ward doch jeder auf volle hundert Jahr’!

Und jetzt macht ihr mir Hoffnung auf Ewigkeiten gar!«

Guinegate.

 

Schon stehn die Bundesheere in Schlachtenreihn gestellt,

Und Frankreichs Macht genüber auf Guinegate’s Feld.

Da schnallt sich Max vom Haupte des blanken Helms Gewicht

Und tritt mit raschem Schritte vor seine Schaar und spricht:

 

»Kennt ihr noch dieses Antlitz, ihr Krieger unbesiegt?

Zwar hat’s die Zeit gebleichet, und Sorg’ in Furchen gepflügt.

Fragt aber diese Fluren, bekannt ist’s ihnen doch!

Fragt jene Männer drüben, bei Gott! sie kennen’s noch.

 

Noch wird vor ihrem Anblick dieß Antlitz nimmer blaß,

Noch sieht dieß Aug’ in ihres mit altem Muth und Haß;

Und wenn der Kranz des Sieges dieß greise Haupt belohnt,

Schmückt er das Haupt gleich herrlich, sei’s grau nun oder blond.

 

In der Unsterblichkeit Denkbuch schreibt, Brüder, heut euch ein,

Des Feindes Blut soll Dinte, euer Schwert die Feder sein!

Bleib du, mein Schlachtschwert, heute auch treu und unbesiegt,

Wie du schon oft als Pflugbeil das Feld des Ruhms gepflügt!

 

Und du, mein treues Kampfroß, du treuer Streitkumpan,

Oft hast du mich getragen auf heller Siegesbahn,

Hab’ Dank, und trag’ noch einmal, zum letztenmal den Greis

Ans Ziel der blutigen Rennbahn! Schon glänzt und winkt der Preis!«

 

Und als der deutsche Kaiser sich schwang zu Roß hinan,

Jauchzt rings im Heer Begeist’rung: Heil, Maximilian!

Sieh da, empor zum Himmel zieht düstres Wolkengrau,

Umschattend rings die Erde und bergend des Aethers Blau.

 

»Ha, Brüder, seht, der Himmel gibt selbst das Zeichen euch,

Vertheilend zwischen den Kämpfern so Licht als Schatten gleich;

Drum auf! Es frommt der Schatten bei schwülem Kampfesmühn,

Zieht heimwärts einst der Sieger, mag wieder die Sonn’ ihm glühn!«

 

Trompeten schmettern jauchzend, und vorwärts stürmt das Heer,

Die Fahnen flattern drüber wie Möven über’m Meer,

Das Reitergeschwader stürmet, eng an einander geballt,

Und Fußvolk, wohlgeschirmet vom Hellebardenwald.

 

Ha, wie der Arm des Kaisers herumsaust nimmermatt,

Gleichwie der Tänzer zur Fastnacht des Tanzens nie wird satt!

Wie hoch den Mähnennacken sein Roß empor da wirft!

Wie, gleich des Tigers Zunge, sein Schwert vom Blute schlürft!

 

Und vorwärts, immer vorwärts strömt unaufhaltsam das Heer,

Die Franzosen spornen die Rosse und schleudern weg die Wehr.

Ei, wehrt ihr Söhne Frankreichs euch doch um euren Balg!

Hat euch das Schwert in die Scheide geleimt vielleicht ein Schalk?

 

Zuschauend stand Herr Kunze auf einem Hügel fern:

»Einmal im Leben säh’ ich doch eine Schlacht so gern!

Drum bin ich hergeklettert; doch ach, Gott sei’s geklagt,

Denn seh’ ich recht, ist’s wahrlich nur eine Hasenjagd!«

 

Die Mörser donnern seltner, es schweigt der Waffen Klang,

Anstatt des Schlachtrufs jubelt der Hörner Siegesgesang,

Staubnebel hüllt den Franzmann und seine Schande ein,

Und jauchzend ruft der Deutsche: Glückauf, der Sieg ist mein!

 

Das war der Tag, wo Deutscher und Britte die Hand sich bot

Und Frankreichs stolzen Nacken trat in den blutigen Koth!

Die Schlacht doch heißt die Spornschlacht noch bis zum heut’gen Tag,

Weil, statt des Schwerts, der Franzmann da nur der Sporen pflag.

 

Als Max sich schwang vom Sattel, stürzt todt dahin sein Pferd,

Und als er’s fügt zur Scheide, zerbirst sein altes Schwert,

Als sprächen Beide mahnend: das war dein letzter Sieg!

Und auch das Herz rief ahnend: was war dein letzter Sieg!

 

Da lächelt Max in Wehmuth: »Die treue Pflugschaar brach,

Der Ackergaul verröchelt, des Pflügers Arm ist schwach;

Den Acker blutigen Ruhmes pflüg’ ich wohl nimmermehr,

Sei nur am ewigen Lenztag mein Feld nicht saatenleer!«

 

Als heim die Schaaren ziehen mit Sang und Siegeslust,

Sinkt Maxens Haupt, tief sinnend, sanft nieder auf die Brust,

Da bricht aus Wolken wieder der Sonne Strahlenglanz,

In seinen grauen Locken nickt still der grüne Kranz.

Die Wallfahrt.

 

Nicht fern von Terouanne hebt sich ein stattlich Schloß,

Da saß nun Max beim Mahle, mit ihm manch treuer Genoß,

Von Dendermond’ der Abbas, des Kaisers alter Freund,

Und Hofmann, Narr und Krieger saß da gar froh vereint.

 

Die waren just gekommen vom heitren Jagen heim,

Da ward erzählt manch Waidstück, da klang manch Waidmannsreim,

Mit lust’gen Jägerschwänken war reich das Mahl gespickt,

Auf längst verdautes Wildpret aufs Neu’ der Spieß gezückt.

 

Horch! horch! da tönt ein Liedlein vom Grund des Thalesstegs,

Wie Wallfahrtspilger pflegen zu singen unterwegs,

Dazwischen klingt ein Glöckchen zum Schlosse sanft herauf,

Daß Max von seinem Sitze fuhr leise horchend auf.

 

Da stieß Herr Kunze ängstlich am Arm den Nebenmann:

»Stoßt schnell, um Gotteswillen, die Gläser zum Vivat an,

Damit es übertäube dieß Teufelspsalmodein,

Denn hört Herr Max solch Glöcklein, gleich treibt’s ihn hinterdrein.«

 

Da klangen die Becher zusammen so hell und grell mit Macht:

»»Hoch lebe der tapfere Sieger in Guinegate’s Schlacht!««

Den drohenden Finger lächelnd hebt Max gen Kunz empor,

Sein Antlitz still verneigend dankt er dem Jubelchor:

 

»Ihr ehrt den Sieg im Sieger, jedoch vergeßt drob nicht

Des Starken, der ihn spendet und für uns Schwache ficht:

Seht, Pilger ziehn fromm singend dort gegen Sankt Alban,

Drum meint’ ich, Freund und Brüder, wir schließen dem Zug uns an.«

 

Da sprach Kunz von der Rosen: »Verzeiht, ich kann kaum gehn!

Als ich von jenem Hügel der Schlacht jüngst zugesehn,

Hab’ ich vom langen Stehen das rechte Bein verstaucht,

Auch hat der Dampf des Pulvers mein Aug’ fast blind geraucht.«

 

Stallmeister Emershofen hob nun halb grämlich an:

»Erlaubt nur, daß ich früher die Pferde satteln kann;

Denn wenn zu Fuß wir gehen in Jägerstiefeln und Sporn,

Verwickeln wir uns schmählich in Buschwerk, Gras und Dorn.«

 

Aus seiner rechten Tasche zog drauf der Abt ein Buch:

»Die Wallfahrt widerrath’ ich! Les’t hier den weisen Spruch;

Da heißt’s: post prandium pausa: nach Mittag sollst du ruhn,

Nec sta, nec mea sine causa: und höchstens ein Schläfchen thun.«

 

»Ihr Herren,« sprach der Kaiser, »ei, laßt doch euren Schwank!

Hat man denn je vernommen, daß wer vom Beten krank?

Wer trabte je zu Rosse ins Gotteshaus hinein?

Dir, Kunz, frommt just die Wallfahrt, da heilt vielleicht dein Bein.«

 

Entblößten Hauptes wallte Max aus des Schlosses Thor,

Mit herbverzognen Mienen folgt der Genossen Chor

Und schließt den flatternden Fahnen der Prozession sich an

Und wandelt psalmodirend zum Dörfchen Sankt Alban.

 

Manch schönes Goldstück hatte dem Pfarrherrn Max verehrt,

Als aus der Kirche wieder er vom Gebet gekehrt,,

Der Alte lallte danken: »Bei Gott, nie ward gesehn

Solch hohes Fest, so lange Sankt Albans Mauern stehn.«

 

Schon glomm am Abendhimmel der Mond mit bleichem Strahl,

Da ging es in die Schenke zum würzigen Abendmahl,

Da drehte sich manch Pärchen im bunten Wirbelreihn

Bei Dudelsack und Fiedel, bei Zither und Schalmein.

 

Was gab’s da schöne Mädchen, hei, hei, und dreimal hei!

Wie flogen da die Schürzen, wie guckten die Bursche dabei!

Trotz seiner Sporen tanzte der Emershof, daß es stob,

Ha, wie sein Arm der Dirnen geschlanke Hüften umwob!

 

Trotz lahmen Beinen poltert Kunz mit dem Fuß den Takt,

Trotz böser Augen schielt er nach mancher hübschen Magd

Und trinkt Bescheid dem Abbas: »Hui! Pater, trinkt doch aus!«

 

Der aber brummt sein Sprüchlein und schreitet aus dem Haus:

 

»Hm, hm, post coenam stabis: des Abends sollst du stehn,

Aut mille passus meabis: wohl auch dich sonnen gehn.«

Aus seiner linken Tasche zieht er den Rosenkranz

Und wackelt auf und nieder im fahlen Mondenglanz.

 

Max aber lehnt dort sinnend in einer Eck’ allein,

Ins lustige Leben und Treiben sieht lächelnd er hinein

Und denkt in stiller Sehnsucht zurück, gar weit und fern,

Am klaren Jugendhimmel steht hell sein Liebesstern.



(* 11.04.1808, † 12.09.1876)




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