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Die Schwäne


Die ihr vor mir, schöne Schwäne,

Auf der Wogen Flut euch wiegt,

Silbern schimmert eu′r Gefieder,

Doch in eurer Brust der Lieder

Süßer Quell, den der Hellene

Oft gepriesen, ist versiegt.

 

Einst am Strome des Kayster,

Wo die Sonne heller tagt

Und der göttlichen Geschwister

Tempel zwischen Myrten ragt,

Lieblich tönten eure Stimmen

Zu der Musen Saitenspiel,

Wenn des Frührots erstes Glimmen

Durch die Cedernwipfel fiel.

Hin mit Steigen und mit Schwellen

Glitt eu′r Hymnus auf den Wellen,

Sel′ge Lieblinge Apolls!

Horch! und an den Flußgestaden

Ringsum von der Oreaden

Lippen wie Gebethauch quoll′s,

Und die Luft begann zu strahlen;

Hallend that sich auf das Thor,

Und auf goldenen Sandalen

Trat der schöne Gott hervor!

Nun verbannt, ihr Südbewohner,

Unter unser Wolkengrau,

Fern dem Lande der Joner

Und dem sel′gen Himmelsblau,

Ach! verlort ihr selbst die schöne

Mitgift der Natur, die Töne!

Um eu′r Teuerstes betrogen,

Wie so still ihr auf den Wogen,

Lautlos eure Kreise zieht!

Bei dem feuchten Nebelschauer

Ringt, zu lindern eure Trauer,

Sich aus eurer Brust kein Lied.

 

Selig ist, wem des Gesanges

Trost ein milder Gott verlieh!

Ob ihm Weh das Herz zerwühle,

Ob es juble - der Gefühle

Jedes wird ihm süßen Klanges

Auf dem Mund zur Melodie.

Aber wehe, wenn das schnöde

Schicksal ihm sein Bestes raubt!

In des Daseins Winteröde

Steht er mit gebeugtem Haupt;

Und die Freude, die wie stummer

Gram an seiner Seele nagt,

Gäb′ er gerne für den Kummer,

Den er sonst im Lied geklagt!



(* 02.08.1815, † 14.04.1894)




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