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Die Jungfrau


Halbdunkel schon über den Thälern;

Wolken, in schwerem Zuge

Von Klippe zu Klippe sich wälzend;

Um mich zerrissene Schluchten

Und Meere von Stein, deren Wogen

Seit dem letzten Weltorkan nicht mehr branden;

Hin schweift mein Blick

Ueber Oeden, nur von Adlern bewohnt,

Empor zu den Felsensteilen,

Wo die Riesentannen,

Gleich Giganten der Vorzeit

Hoch und höher im Himmelssturme klimmend,

Sich im wallenden Dunste verlieren.

 

Doch sieh! zu wirbeln, zu wogen

Beginnt das Gewölk;

Die Nebeldecke zerreißt,

Und durch die stäubenden Flocken

Fern in der blauen Unendlichkeit -

Welcher Silberglanz,

Das Auge mit Strahlenschimmer blendend!

Sie ist es, sie ist′s, der Berge hohe Königin,

Auf ihrem Gletscherthrone,

Hoch über die Erde den mächtigen Scheitel erhebend,

Die riesigen Glieder

Von Schneegewanden umwallt.

 

Schon schweigend zu ihren Füßen

Lagert die Nacht;

Doch weithin im Strahle der sinkenden Sonne

Blitzt auf ihrem Haupt die Demantenkrone,

Und, in Nebel zerflatternd, enthüllt

Der Schleier das majestätische Antlitz.

Ueber die Stirn ihr gleitet

Bleich und golden rot

Ein wechselnder Schimmer.

Plötzlich erblassend

Vor den gähnenden Tiefen des Alls,

In die der Blick ihr hinunterstarrt,

Scheint sie zurückzubeben;

Dann wieder umfliegt

Ein rosiger Glanz ihr die Züge,

Wie Widerschein von Gedanken und Träumen,

Die ihr durch die Seele ziehen.

 

Giebt sie mit Geistern anderer Welten

Sich Flammenzeichen?

Oder gewahrt ihr Auge

Jenseits der Erde

Ungeahnte Geheimnisse,

Daß süßes Erschrecken

Die Wangen ihr rötet?

 

Doch der Schimmer erlischt;

Höher empor auf den Nebeln flutet die Nacht,

Und, den sterblichen Blicken entrückt,

Mit den Sternen dort oben

Hält die Königin Zwiegespräch.



(* 02.08.1815, † 14.04.1894)




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