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Der Tempel von Aegina


Halbauf noch ragt mit seinem Ruhm

Der Wunderbau der Aegineten,

Doch öde steht sein Heiligtum,

Verwaist von Opfern und Gebeten;

Zerbröckelnd in den Archipel

Sinkt das Gestein vom Felsenhange,

Um Säulensturz und Kapitäl

In Ringeln windet sich die Schlange.

 

Nur wenn beim Sternenschein der Nacht

Von Fels zu Fels die Schatten wallen,

Erhebt in alter Dorerpracht

Der hehre Tempel seine Hallen,

Und durch die Säulengänge hin,

Den goldnen Kranz im Lockenhaare,

Tritt feierlich die Priesterin

Im weißen Lichtkleid zum Altare

 

Da ist′s, als ob am Himmelssaum

Des Göttervaters Donner rolle

Und aus jahrtausendlangem Traum

Die alte Welt erwachen wolle;

Als ob die Mutter Cybele

All ihre Kinder wieder wecke

Und sehnsuchtsvoll in süßem Weh

Die Arme nach der Erde strecke.

 

Und horch! Ein Regen auf der Flur,

Ein Rauschen um die Uferklippen!

Noch einmal öffnet die Natur

Aufjubelnd ihre bleichen Lippen;

In kühler Grotten Dämmerglanz

Und an den hallenden Gestaden

Schlingt sich der Nymphen Reigentanz;

Im Walde flüstern die Dryaden.

 

Und wie Gesänge des Homer

Tönt es durch das Geroll der Wogen;

Auf silbernem Gewölk daher

Kommt leuchtend Artemis gezogen;

Anbetend gießt die Priesterin

Das Opfer aus der Weiheschale -

Doch neu in Schweigen und Ruin

Sinkt alles hin beim Morgenstrahle.



(* 02.08.1815, † 14.04.1894)




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