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Der Grieche im Norden


(An Buonaventura Genelli)

 

Gerne glaub′ ich an die Mythe,

Freund, daß aus der Nymphen Schar

Im Gefolg′ der Amphitrite

Eine deine Mutter war,

Daß am Klippenstrand von Delos,

Bald in Grotten, meerumschäumt,

Bald auf Halden, ewig schneelos,

Du die Kinderzeit verträumt.

 

Dort auf eines Felshangs Rasen

Lagst du bei der Flut Geroll,

Wenn das Muschelhörnerblasen

Der Tritonen vor dir scholl

Und der Nereiden Lachen,

Die in des Poseidon Zug

Auf gezäumten Meeresdrachen

Hin und her die Woge schlug.

 

In den immer lauen Lüften,

Drin ihr Haupt die Palme wiegt,

Hat um Brust dir und um Hüften

Keine Hülle sich geschmiegt;

Aber welcher Dämon war es,

Welches bösen Gottes Fluch,

Der an unser unwirtbares,

Eis′ges Ufer dich verschlug?

 

Aus den Nebeln, drin wir siechen,

Ward von dir seitdem die Flucht

Nach dem Sonnenland der Griechen

Fort und fort umsonst gesucht,

Und der du vordem im Süden

Blühtest, den Olympiern gleich,

Nun in unserm Frost mit müden

Gliedern wankst du krank und bleich.

 

Nein! Nicht so im Winterkleide

Kaure fort am Flammenherd!

Nimm den Trank hier, teurer Heide,

Drin des Südens Feuer gärt!

Selbst ihn durch die Purpurwogen

Bracht′ ich dir von Hellas her,

Wo er seine Glut gesogen

Aus der Sonne des Homer.

 

Trink, den Frost des Bluts zu tauen;

Und, verklärt in lauterm Glanz,

Wieder dir zu Häupten blauen

Wird der Himmel Griechenlands.

Auf den Hügeln, auf den Hängen

Liegt des Herbstes goldner Schein,

Und bei jubelnden Gesängen

Keltern Jünglinge den Wein.

 

Und, umbraust von wutentbrannter

Thyrsusschwinger Evoe,

Naht mit dem Gespann der Panther

Selbst der Sohn der Semele;

Satyrn folgen mit den Schläuchen,

Faune, trippelnd auf den Zeh′n,

Und, voll süßen Weins, mit Keuchen

Schleppt sich hinterdrein Silen.

 

Polyphem läßt seine Lämmer

An des Westens Ocean,

Der Cyklope sein Gehämmer

In der Werkstatt des Vulkan;

Ihrer jeder drängt zur Kelter

Sich heran in wildem Lauf,

Fängt die Güsse saftgeschwellter

Trauben mit den Lippen auf.

 

Und der Jubel braust gedoppelt;

Aus dem Kreis der andern tritt

Mensch und Roß in eins gekoppelt,

Ein Centaur im Taumelschritt,

Und zu dir, ein halb Bezechter,

Spricht er: »Alter Freund, so stumm?

Ein homerisches Gelächter

Laß doch hören wiederum!«

 

Ja, der Sorgen trüben Heerrauch,

Drin dein Leben welkt und dorrt,

Mein Genelli, ob dich schwer auch

Deutschland kränkte, scheuch ihn fort!

Die Olympier selber grämen

Sich, daß so dein Pinsel ruht;

Drunten irren, blasse Schemen,

Sie um des Kocytus Flut.

 

Ach! das Naß der Griechenreben

Weckt sie kurz nur, halb zum Schein;

Dich, es ihnen ganz zu geben,

Flehn sie an; die Macht ist dein.

Auf! All deine Lebensgeister

Sammle, von dem Trank durchglüht,

Daß durch dich, geliebter Meister,

Neu die Götterwelt erblüht!



(* 02.08.1815, † 14.04.1894)




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