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Das unbekannte Grab


Halb schon verschüttet von dem weh′nden Sande

Ragt einsam dies verfallne Grab;

Die Sonne flammt darauf in lohem Brande,

Wie vor Aeonen, noch herab.

 

In keinem Grashalm, nicht im dürrsten Moose

Ringsum von Leben eine Spur;

Weit dehnen sich bis in das Grenzenlose

Der Himmel und die Wüste nur.

 

Und Bilder seh′ ich auf dem Stein und Zeichen

In einer Schrift, die keiner kennt,

Gestalten, die der Völker keinem gleichen,

So viele die Geschichte nennt.

 

Wen birgt das Grabmal? Eines Königs Leiche,

Der hier das Scepter schwang

Und stolz hinunter sah auf seine Reiche

Vom Aufgang bis zum Niedergang.

 

In Sprachen, nun jahrtausendlang verklungen,

Ward ihm vielleicht Unsterblichkeit,

Wie den Gesängen, drin sie ihn besungen,

Von seinen Dichtern prophezeit.

 

Vielleicht - doch nein, nicht einen Laut mehr stammelt

Von damals die Erinnerung,

Und vor dem Staube, der sich hier gesammelt,

Scheint jede andre Vorwelt jung.

 

Wer giebt mir Kunde von der Zeit, der langen,

Die schon auf Erden war?

Wer nennt mir eine, die nicht schon vergangen,

Und wär′ es Platos Riesenjahr?

 

Selbst fühl′ ich hier das Haupt mir von der Schwinge

Des Todesengels schon umkreist,

Und schwindelnd in die große Nacht der Dinge

Versinkt mit Zagen mir der Geist.

 

O Mensch, mit deinem Schaffen, deinem Streben,

Du Opfer der Vergessenheit,

Was zählst du deine Jahre? Nur im Leben,

Allein im Tod ist keine Zeit.

 

Im Tod ist keine Zeit. Führt er als Beute

Dich heute noch zum Hades ein,

So wirst du in dem Schattenreich noch heute

Gleich alt mit König Cheops sein.



(* 02.08.1815, † 14.04.1894)




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