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Aus der Heimat


1.

 

Laß still die Thräne rinnen

Auf deinen Heimatherd!

Genesest du nicht innen,

Was ist das Außen wert?

 

Vergebens in die Weite

Späht hoffend dein Gesicht;

Dein düsteres Geleite,

Die Trauer, läßt dich nicht.

 

Ob Länder auch und Meere

Die Ferne dir enthüllt:

In deiner Brust die Leere

Wird nimmer ausgefüllt.

 

Durch alle Zonen flüchte,

Durchschweife jede Flur:

Du siehst verdorrte Früchte

Und welke Blüten nur.

 

Ein Nebeldunst, ein gelber,

Umhüllt das Himmelszelt,

Und finster, wie du selber,

Ist um dich her die Welt.

 

2.

 

Wie öd′ und ausgestorben alles!

Und dennoch tönt aus jedem Gang

Ein Flüstern mir, ein leises Regen,

Das mich mit Schauer füllt, entgegen;

Ein Echo gleitet matten Schalles

Geheimnisvoll die Wand entlang.

 

Oft flieht mein Schlaf in nächt′gen Stunden,

Wenn im Kamin das Heimchen zirpt;

Die Wanduhr, die seit Jahren stumme,

Beginnt von neuem ihr Gesumme,

Als ob sie zählte die Sekunden

Am Bett des Kranken, eh′ er stirbt.

 

Dann rauscht es in den Vorhangfalten;

Auf allen Treppen wird es laut;

Ich höre Rufe, wehgebrochen,

Und an den Thüren schallt ein Pochen,

Ein Schimmer gleitet durch die Spalten,

Vor welchem meiner Seele graut.

 

Bewegen seh′ ich sich die Klinken

Von Händedrücken, mir bekannt;

Ich öffne, und im matten Lichte

Schaun mit gebleichtem Angesichte

Mich Schattenbilder an und winken

Zurück mir mit der weißen Hand.

 

Hinweg! hinweg! Von allen Seiten

Starrt Schrecken hier auf mich herab!

In diesem Haus erstarb das Leben;

Doch irrend noch zur Nachtzeit schweben

Die Geister der vergangnen Zeiten

Um meiner Jugendfreuden Grab.

 

3.

 

Wald, der oftmals mein Gelächter

In der Freunde Kreis vernahm,

Zeuge meiner frohen Träume!

Düster schütteln deine Bäume

Nun ihr Haupt, wie Totenwächter,

Ueber mir und meinem Gram!

 

Lust′ge Bücher, einst gelesen

In der alten muntern Zeit,

Wag′ ich nun, euch aufzuschlagen;

Ach! nur von vergangnen Tagen,

Nur von dem, was ich gewesen,

Sprecht ihr mir in dumpfem Leid!

 

Saal, wo wir uns einst versammelt,

Oede stehst du nun und leer!

Nie mehr fliegt in heitrer Stunde

Das Gespräch von Mund zu Munde,

Und nur eine Stimme stammelt

Schluchzend: Nimmer-, nimmermehr!

 

4.

 

Ein kalter, grauer Nebel hing

In Falten nieder auf das Thal,

Als wieder ich zum erstenmal

Den Weg zur Waldkapelle ging.

 

Ich suchte den bekannten Pfad,

Den, wenn die Glocke feiervoll

Zum Frühgebete rufend scholl,

Der Knabe Tag für Tag betrat.

 

Doch nun war seine Spur verwischt,

Von Nesseln ward mein Fuß gehemmt;

Die Erde selber schien mir fremd,

Mit vieler Herbste Laub gemischt.

 

Dem Wandrer gleich, der unbekannt

An unwirtbaren Küsten irrt,

So stand ich zweifelnd und verwirrt,

Ein Fremdling in dem eignen Land.

 

Stets matter glomm das Tageslicht,

Verloren scholl ein Glockenklang;

Ich irrte viel, ich suchte lang,

Doch die Kapelle fand ich nicht.

 

5.

 

Hier ist es, wo ich als Kind gestreift

Und die Beere gepflückt, die am Abhang reift;

Still war′s, wie jetzt im Laube;

Fernher nur hört′ ich durch Rankengeflecht

Die Schläge der Axt und den pickenden Specht

Und das Girren der wilden Taube.

 

O Träume, schön wie Märchen der Feen,

Umschwebten mich dort, wenn beim Abendwehn

Ich ruht′ am Felsenhange;

Und vor mir lag, wie im Traum ich′s sah,

Voll goldener Schlösser das Leben da -

So lange das her, so lange!

 

Aus der Welt da draußen nun kehr′ ich zurück;

Wie Märchen alles dahin: das Glück

Und Hoffen und Lieb′ und Glaube!

Im Walde lieg′ ich, wie einst ich lag,

Und höre von ferne der Aexte Schlag

Und das Girren der wilden Taube.

 

6.

 

Sie sind es, ja! im Wasserfall

Vernehm′ ich ihrer Stimmen Schall

Und in den Murmelquellen;

Sie rufen mich im Abendwind,

Mich ihnen, so wie einst als Kind,

Beim Mondlicht zu gesellen.

 

So fern, ihr Geister, jene Zeit,

Als ich in Waldeseinsamkeit

Euch meine Brüder nannte,

Und euer Blick, so sanft, so mild,

Wie Schein, der aus den Sternen quillt,

Das Herz an euch mir bannte!

 

Als wir umhergeschweift am See,

Wo auf dem Lager sich das Reh,

Von Waldlust träumend, regte,

Indes der nächt′ge Schmetterling,

Der an der Weißdornblüte hing,

Die Schwingen sanft bewegte!

 

O nie ward in der Menschenwelt,

Die ihrer Schwüre keinen hält,

So wie bei euch mir Friede!

Nehmt neu mich auf in euern Kreis,

Und küßt den Lebenstraum mir leis

Hinweg vom Augenlide!



(* 02.08.1815, † 14.04.1894)




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