Wenn Einer mit den Jahren

Sein Denken korrigirt,

Bekommt er zu erfahren,

Wie man das kommentirt.

 

»Er ist gekauft, bestochen

Mit Titel, Stern und Geld,

Wir haben's gleich gerochen,

O der Charakterheld!

 

»Seht den Erfolgsanbeter,

Seht den Ischarioth,

Er ward an uns Verräther

Für Silberlingsgebot.

 

»Es leuchtet sonnenhelle

Ja ganz von selber ein:

Des Abfalls innre Quelle

Kann nur Gemeinheit sein.« –

 

Nun, gute Interpreten,

Denkt doch ein wenig nach,

Wie ihr da seid betreten

Auf eurer eignen Schmach.

 

Beschließt ein Mann, zu retten

Aus Irrsal die Vernunft,

Und macht sich los von Ketten

Der Donquixotenzunft,

 

Und leget ihr als Sünde

Ihm aus die klare That

Und rufet ohne Gründe:

»Der schlechte Apostat!« –:

 

Die Deutung kann nur fließen

Aus eurem edlen Ich,

Dem eignen Selbst entsprießen

Der krumme Schluß und Schlich.

 

Ihr sagt ja deutlich selber:

Wir wären's nur im Stand

Um Gunst und goldne Kälber

Und Adlerordensband.

 

Die du entdeckst, die Jauche,

Naive Kreatur,

Kommt aus dem eignen Schlauche:

»Schmutz riecht sich selber nur.«

 

Doch wenn ich so betrachte,

Wie wenig ihr euch kennt,

Mit welchem Unbedachte

Ihr in die Falle rennt,

 

So kann es mich ergetzen,

Das Wort, das Shakespeare spricht,

Auch so zu übersetzen:

Schmutz riecht sich selber nicht.


Das Gedicht "Auslegung" stammt von   (1807 - 1887).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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