1.

 

Die schimmernde Pracht Deiner Glieder,

Ich hab′ sie voll Andacht geschaut,

Doch vor der umnachteten Seele

Hat mir gegraut.

 

Ich hätte dich gerne, so gerne

Emporgerissen zum Licht;

Du aber - wild und trotzig -

Du wolltest nicht.

 

Und doch war Deine Liebe

Gewaltig, heiß und echt - -

Ich aber ließ Dich fallen, -

Und das war schlecht.

 

2.

 

Du bist krank gewesen,

Kleine Geliebte!?

Krankhaft blaß ist Dein Antlitz,

Matt Dein Auge,

Mühsam schleppt sich Dein Schritt.

Komm, o komm zu mir,

Laß Dich stärken, laß Dich laben - -

Fieberhaft heiß ist Deine

Kleine Hand und Deine Nerven

Zucken und schaudern,

Du bist immer noch krank,

Kleine Geliebte.

Sag, wo ist Dein Lachen geblieben,

Jenes helle,

Auf- und niedersteigende Lachen,

Wo Dein jauchzender Aufschrei,

Der mich an Grußesstatt

Immer empfing?!

"Müde bist Du, sterbensmüde,

Kleine Geliebte?!"

Komm an mein Herz!

Laß mich diesen zarten Busen,

Der mir einstmals

Voll und wogend entgegenschlug,

Einmal noch röten mit lodernden Küssen.

Besser fast noch als ich

Weißt Du es selbst,

Kleine Geliebte,

Krank bist Du, todeskrank,

Nichts kann Dich retten!

Aber eine Nacht, eine Nacht

Laß uns glücklich noch sein!

Mög auch von Deinem Mund

Tödlich das Gift

Überfließen zu mir,

Was liegt daran! -

Sterbend noch wollen wir

Höchster Wonnen tödliche Freuden

Ausgenießen.


Das Gedicht "Verloren" stammt von   (1870 - 1928).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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