Venedig, einen Winter lebt ich dort -
Paläste, Brücken, der Lagune Duft!
Doch hier im harten Licht der Gegenwart
Verdämmert mählich mir die Märchenwelt.

Vielleicht vergass ich einen Tizian.
Ein Frevel! Jenen doch vergass ich nicht,
Wo über einem Sturm von Armen sich
Die Jungfrau feurig in die Himmel hebt,

So wenig als den andern Tizian -
Doch kein gemalter wars - die Wirklichkeit:
Am Kai, dem nächtgen, der Slavonen wars,
Im Dunkel stand ich. Fenster schimmerten.

Zwei dürftge Frauen kamen hergerannt.
Hart an die Scheibe presst’ das junge Weib
Die bleiche Stirn. Was drinnen sie erblickt,
Das sie erstarren machte, weiss ich nicht.

(Vielleicht den Herzgeliebten, welcher sie
An eines andern Weibes Brust verriet.)
Ich aber sah den feinsten Mädchenkopf
Vom Tod entfärbt. Ein Antlitz voller Tod!

Die Mutter führte weg die Schwankende …
Die beiden Tiziane blieben mir
Stets gegenwärtig; löschen sie, so lischt
Die Göttin vor dem armen Menschenkind.


Das Gedicht "Venedig" stammt von   (1825 - 1898).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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