Erwachende Glocken. – In allen Kanälen
 Flackt erst ein Schimmer, noch zitternd und matt,
 Und aus dem träumenden Dunkel schälen
 Sich schleiernd die Linien der ewigen Stadt.


Sanft füllt sich der Himmel mit Farben und Klängen,
 Fernsilbern sind die Lagunen erhellt. –
Die Glöckner läuten mit brennenden Strängen,
 Als rissen sie selbst den Tag in die Welt.


Und nun das erste flutende Dämmern!
 Wie Flaum von schwebenden Wolken rollt,
 Spannt sich von Turm zu Türmen das Hämmern
 Der Glocken, ein Netz von bebendem Gold.


Und schneller und heller. Ganz ungeheuer
 Bläht sich das Dämmern. – Da bauscht es und birst,
 Und Sonne stürzt wie fressendes Feuer
 Gierig sich weiter von First zu First.


Der Morgen taut nieder in goldenen Flocken,
 Und alle Dächer sind Glorie und Glast.
 Und nun erst halten die ruhlosen Glocken
 Auf ihren strahlenden Türmen Rast.


Das Gedicht "Sonnenaufgang in Venedig" stammt von   (1881 - 1942).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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