Draus vor Schleswig an der Pforte

Wohnen armer Leute viel.

Ach! des Feindes wilder Horde

Werden sie das erste Ziel.

Waffenstillstand ist gekündet;

Dänen ziehen aus zur Nacht;

Russen, Schweden sind verbündet,

Brechen ein mit wilder Macht.

 

Draus vor Schleswig, weit vor allen

Liegt ein Hüttlein ausgesetzt.

 

Draus vor Schleswig in der Hütte

Singt ein frommes Mütterlein:

»Herr, in deinen Schoß ich schütte

Alle meine Sorg′ und Pein!«

Doch ihr Enkel, ohn Vertrauen,

Zwanzigjährig, neuster Zeit,

Hat, den Bräutigam zu schauen,

Seine Lampe nicht bereit.

 

Draus vor Schleswig in der Hütte

Singt das fromme Mütterlein.

 

»Eine Mauer um uns baue!«

Singt das fromme Mütterlein:

»Daß dem Feinde vor uns graue,

Nimm in deine Burg uns ein!«

»Mutter«, spricht der Weltgesinnte,

»Eine Mauer uns ums Haus

Kriegt fürwahr nicht so geschwinde

Euer lieber Gott heraus!«

 

»Eine Mauer um uns baue!«

Singt das fromme Mütterlein.

 

»Enkel, fest ist mein Vertrauen,

Wenn′s dem lieben Gott gefällt,

Kann Er uns die Mauer bauen,

Was Er will, ist wohl bestellt.«

Trommeln rumdidum rings prasseln;

Die Trompeten schmettern drein;

Rosse wiehern, Wagen rasseln;

Ach, nun bricht der Feind herein!

 

»Eine Mauer um uns baue!«

Singt das fromme Mütterlein.

 

Rings in alle Hütten brechen

Schwed und Russe mit Geschrei,

Fluchen, lärmen, toben, zechen,

Doch dies Haus gehn sie vorbei.

Und der Enkel spricht in Sorgen:

»Mutter, uns verrät das Lied!«

Aber sieh! das Heer von Morgen

Bis zur Nacht vorüberzieht.

 

»Eine Mauer um uns baue!«

Singt das fromme Mütterlein.

 

Und am Abend tobt der Winter,

Um die Fenster stürmt der Nord.

»Schließt die Laden, liebe Kinder!«

Spricht die Alte, und singt fort.

Aber mit den Flocken fliegen

Nur Kosakenpulke ′ran;

Rings in allen Hütten liegen

Sechszig, auch wohl achtzig Mann.

 

»Eine Mauer um uns baue!«

Singt das fromme Mütterlein.

 

»Eine Mauer um uns baue!«

Singt sie fort die ganze Nacht.

Morgens wird es still: »O schaue,

Enkel, was der Nachbar macht!«

Auf nach innen geht die Türe;

Nimmer käm er sonst heraus:

Daß er Gottes Allmacht spüre,

Liegt der Schnee wohl haushoch draus.

 

»Eine Mauer um uns baue!«

Sang das fromme Mütterlein.

 

»Ja! der Herr kann Mauern bauen!

Liebe, gute Mutter, komm,

Gottes Wunder anzuschauen!«

Spricht der Enkel und ward fromm.

Achtzehnhundertvierzehn war es,

Als der Herr die Mauer baut′;

In der fünften Nacht des Jahres

Hat′s dem Feind davor gegraut.

 

»Eine Mauer um uns baue!«

Sang das fromme Mütterlein.


Das Gedicht "Die Gottesmauer" stammt von   (1778 - 1842).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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