Des Lebens Purpurstrahl

Fährt schäumend aus der kleinen Ritze;

O Schöpfer! wann verfliegt einmal

Dies Blut, das ich in fauler Rast versprütze?

 

Soll alle meine Kraft

Im Feuer banger Qualen schmelzen?

Gebricht′s nicht bald an neuem Saft,

Die Kügelchen des Blutes fortzuwälzen?

 

Du bist so heiß, o Blut!

Was sprudelst du in dieser irdnen Schale?

Hast du noch Gluth, noch Sonnengluth?

Zückt Freiheit noch in deinem rothen Strahle?

 

O Arzt! so binde du

Nur schnell, nur schnell mit deiner Binde

Die offne Ader wieder zu:

Denn Freiheit ist des Deutschen größte Sünde.

 

Doch willst du nimmer heiß,

O Blut! aus deinen Röhren schiessen;

Willst frostig, wie zerschmolznes Eis

Vom nackten Fels, in kalten Tropfen fliessen:

 

So fliesse, fliesse nur -

Kein Fürst wird deine Kälte strafen;

Denn kalte, frostige Natur

Schickt sich allein für arme deutsche Sklaven.


Das Gedicht "Aderlässe" stammt von   (1739 - 1791).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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