Gefangner Mann, ein armer Mann!

Durchs schwarze Eisengitter

Starr′ ich den fernen Himmel an,

Und wein′ und seufze bitter.

 

Die Sonne, sonst so hell und rund,

Schaut trüb auf mich herunter;

Und kömmt die braune Abendstund′,

So geht sie blutig unter.

 

Mir ist der Mond so gelb, so bleich,

Er wallt im Wittwenschleier;

Die Sterne mir - sind Fackeln gleich

Bei einer Todtenfeyer.

 

Mag sehen nicht die Blümlein blühn,

Nicht fühlen Lenzeswehen;

Ach! lieber säh′ ich Rosmarin

Im Duft der Gräber stehen.

 

Vergebens wiegt der Abendhauch

Für mich die goldnen Aehren;

Möcht′ nur in meinem Felsenbauch

Die Stürme brausen hören.

 

Was hilft mir Thau, und Sonnenschein

Im Busen einer Rose;

Denn nichts ist mein, ach! nichts ist mein,

Im Muttererdenschooße.

 

Kann nimmer an der Gattin Brust,

Nicht an der Kinder Wangen,

Mit Gattenwonne, Vaterlust

In Himmelsthränen hangen.

 

Gefangner Mann, ein armer Mann!

Fern von den Lieben allen,

Muß ich des Lebens Dornenbahn

In Schauernächten wallen.

 

Es gähnt mich an die Einsamkei t,

Ich wälze mich auf Nesseln;

Und selbst mein Beten wird entweiht

Vom Klirren meiner Fesseln.

 

Mich drängt der hohen Freiheit Ruf;

Ich fühl′s, daß Gott nur Sklaven

Und Teufel für die Ketten schuf,

Um sie damit zu strafen.

 

Was hab′ ich, Brüder! euch gethan?

Kommt doch, und seht mich Armen!

Gefangner Mann! ein armer Mann!

Ach! habt mit mir Erbarmen!


Das Gedicht "Der Gefangene" stammt von   (1739 - 1791).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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