Neulich sah ich, mit Ergetzen,

Eine kleine Fliege sich,

Auf ein Erlen-Blättchen setzen,

Deren Form verwunderlich

Von den Fingern der Natur,

So an Farb′, als an Figur,

Und an bunten Glantz gebildet.

Es war ihr klein Köpfgen grün,

Und ihr Körperchen vergüldet,

Ihrer klaren Flügel Paar,

Wenn die Sonne sie beschien,

Färbt ein Roth fast wie Rubin,

Das, indem es wandelbar,

Auch zuweilen bläulich war.

Liebster Gott! wie kann doch hier

Sich so mancher Farben Zier

Auf so kleinem Platz vereinen,

Und mit solchem Glantz vermählen,

Daß sie wie Metallen scheinen!

Rief ich, mit vergnügter Seelen.

Wie so künstlich! fiel mir ein,

Müssen hier die kleinen Theile

In einander eingeschrenckt,

durch einander hergelenckt

Wunderbar verbunden seyn!

Zu dem Endzweck, daß der Schein

Unsrer Sonnen und ihr Licht,

Das so wunderbarlich-schön,

Und von uns sonst nicht zu sehn,

Unserm forschenden Gesicht

Sichtbar werd, und unser Sinn,

Von derselben Pracht gerühret,

Durch den Glantz zuletzt dahin

Aufgezogen und geführet,

Woraus selbst der Sonnen Pracht

Erst entsprungen, der die Welt,

Wie erschaffen, so erhält,

Und so herrlich zubereitet.

Hast du also, kleine Fliege,

Da ich mir an die vergnüge,

selbst zur Gottheit mich geleitet.


Das Gedicht "Die kleine Fliege" stammt von   (1680 - 1747).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte