Längst fiel von den Bäumen
Das letzte Blatt,
In Schlaf und Träumen
Liegt nun die Stadt;
Die Fenster verdunkeln
Sich Haus an Haus
Und drüberhin funkeln
Die Sterne sich aus;
Kalt weht es vom Strom her,
Der Eisgang kracht,
Und drüben vom Dom her
Dröhnt′s Mitternacht.
Ich aber schleppe mich zitternd nach Haus –
Der Nordwind bläst die Laternen aus!

Was half′s, dass ich klagend
Die Gassen durchlief
Und mitleidverzagend
»Hier Rosen!« ausrief?

»Hier Rosen, o Rosen!
Wer kauft einen Strauss?«
Doch die Herren Studiosen
Lachten mich aus!
Und keiner, keiner ….
Dass Gott erbarm!
O unsereiner
Ist gar zu arm!
Mir wanken die Kniee, mein Herzblut gerinnt –
O Gott, mein Kind, mein armes Kind!

In stockdunkler Kammer,
Verhungert, verthiert!
Schon packt mich der Jammer:
»Ach Muttchen, mich friert!
Ach bitte, bitte
Ein Stückchen Brot!«
Mir ist es, als litte
Ich gleich den Tod!
Mir ist es, als müsste
Ich schreien: »Fluch!« –
O dass ich dich küsste
Durchs Leichentuch!
Dann wär es vorbei und sie scharrten dich ein
Und ich trüg es allein, o Gott, allein ….


Das Gedicht "Nachtstück" stammt von   (1863 - 1929).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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