Evang.: Von Zeichen an der Sonne

 

Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn

Soll tragen?

Seh′ ich das Morgenrot im Osten schon

Nicht leise ragen?

Die Dunkel steigen, Zeit rollt matt und gleich;

Ich seh′ es flimmern, aber bleich, ach, bleich!

 

Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt

Entzündet,

Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt

Sich wohl entbindet

Ein Flämmchen und von Schilfgestöhn umwankt

Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.

 

So muß die allerkühnste Phantasie

Ermatten;

So in der Mondesscheibe sah ich nie

Des Berges Schatten,

Gewiß, ob ein Koloß die Formen zog,

Ob eine Träne mich im Auge trog.

 

So ragt und wälzt sich in der Zukunft Reich –

Ein Schemen!

Mein Sinnen sonder Kraft! – Gedanke bleich.

Wer will mir nehmen

Das Hoffen, was ich in des Herzens Schrein

Gehegt als meiner Armut Edelstein?

 

Gib dich gefangen, törichter Verstand!

Steig nieder

Und zünde an des Glaubens reinem Brand

Dein Döchtlein wieder,

Die arme Lampe, deren matter Hauch

Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

 

Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton,

Mit Kräften,

Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn

In allen Säften,

O bade deinen wüsten Fiebertraum

Im einz′gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum!

 

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind

Dir sendet

Die Macht, so wetterleuchtet und verneint,

Und starr gewendet

Wie zum Polarstern halt das Eine fest,

Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest!

 

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn

Erkennen,

Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,

Und zitternd nennen

Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark,

Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

 

Und heute schon, es steht in Gottes Hand,

Erschauen

Magst du den Heiland und der Seele Brand

Gleich dem Vertrauen.

Zerfallen mögen Erd′ und Himmelshöhn,

Doch seine Worte werden nicht vergehn.


Das Gedicht "Am zweiten Sonntage im Advent" stammt von   (1797 - 1848).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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