Willst du es sehn, wie lohe Flammengluth

Beisammen friedlich wohnt mit Wasserfluth,

Wie beide in einander frei bestehn,

So mußt du ihr ins klare Auge sehn;

Drin wohnt ein Feuer wie die Gluth der Sonne,

Drans siehst du wie aus glühem Flammenbronne

Oft klar den Perlenquell der Thränen thau’n,

Kannst Gluth in Fluth und Fluth in Gluthen schau’n.

 

Willst du auch sehn den Becher wunderbar,

Draus tödtend Gift und Honig süß und klar

Mit einem einz’gen Zug man sangen kann:

O blicke ihren Rosenmund nur an!

Der Wunderbecher sind die Purpurlippen,

Draus Süß und Herb mit Einem Zug zu nippen,

Ein Honigseim, der’s Herz belebt und nährt,

Ein Gift, das wild am Lebensmarke zehrt.

 

Und kennst das goldne Wundernetz du nicht,

Wo sich kein Faden in den andern flicht,

Das fest zugleich, wenn locker auch und los,

Manch bebend Herz verstrickt in seinen Schooß?

 

Siehst du der Lockenhaare goldig Prangen?

Das ist das Wundernetz, das mich gefangen,

Das fest zugleich, wenn locker auch und los,

Mein zitternd Herz verstrickt in seinen Schooß.

 

Willst du es sehn, wie Aetna’s Flammenbrand

Mit Thule’s eis’gen Schollen sich verband,

Der Eine Gottes flammender Altar,

Die Andern frostig, kalt und ewig starr?

Das sind wir Zwei und unsre beiden Herzen,

Ungleich an Lust, ungleicher noch an Schmerzen,

Das meine wie des Aetna’s Brand so heiß,

Das ihre kalt und starr wie Nordpols Eis.


Das Gedicht "Die Wunder" stammt von   (1808 - 1876).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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