Liebe Mutter, heut′ Nacht heulte Regen und Wind.

»Ist heute der erste Mai, liebes Kind.«

 

Liebe Mutter, es donnerte auf dem Brocken droben.

»Liebes Kind, es waren die Hexen oben.«

 

Liebe Mutter, ich möcht keine Hexen sehn.

»Liebes Kind, es ist wohl schon oft geschehn.«

 

Liebe Mutter, ob wohl im Dorf Hexen sind?

»Sie sind dir wohl näher, mein liebes Kind.«

 

Liebe Mutter, worauf fliegen die Hexen zum Berg?

»Liebes Kind, auf dem Rauche von heissem Werg.«

 

Liebe Mutter, worauf reiten die Hexen zum Spiel?

»Liebes Kind, sie reiten auf′nem Besenstiel.«

 

Liebe Mutter, ich sah gestern im Dorf viel Besen.

»Es sind auch viel Hexen auf′m Brocken gewesen.«

 

Liebe Mutter, ′s hat gestern im Schornstein geraucht.

»Liebes Kind, es hat Einer das Werg gebraucht.«

 

Liebe Mutter, in der Nacht war dein Besen nicht zu Haus.

»Liebes Kind, so war er zum Blocksberg hinaus.«

 

Liebe Mutter, dein Bett war leer in der Nacht.

»Deine Mutter hat oben auf dem Blocksberg gewacht.«


Das Gedicht "Walpurgisnacht" stammt von (* 1798-06-29, † 1871-12-16).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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