1

 

Die Tochter spricht:

 

»Ach, die kleine Kaufmannstochter,

Wie das Ding sich immer putzt!

Fehlt nur, daß mit unsereinem

Sie sich noch vertraulich duzt.

 

Setzt sich, wo wir auch erscheinen,

Wie von selber nebenbei;

Präsidentens könnten meinen,

Daß es heiße Freundschaft sei.

 

Und es will sich doch nicht schicken,

Daß man so mit jeder geht,

Seit Papa im Staatskalender

In der dritten Klasse steht.

 

Hat Mama doch auch den Diensten

Anbefohlen klar und hell,

Fräulein hießen wir jetzunder,

Fräulein, und nicht mehr Mamsell.

 

Ach, ein kleines bißchen adlig,

So ein bißchen - glaub, wir sind′s!

Morgen in der goldnen Kutsche

Holt uns ein verwünschter Prinz!«

 

2

 

Ein Golem

 

Ihr sagt, es sei ein Kämmerer,

Ein schöner Staatskalenderer;

Doch sieht denn nicht ein jeder,

Daß er genäht aus Leder?

 

Kommt nur der rechte Regentropf

Und wäscht die Nummer ihm vom Kopf,

So ruft gewiß ein jeder:

Herrgott, ein Kerl von Leder!


Das Gedicht "Vom Staatskalender" stammt von   (1817 - 1888).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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