Am regentrüben Sommertagen,

Wenn Luft und Flut zusammenragen,

Und ohne Regung schläft die See,

Dann steht an unserm grauen Strande

Das Wunder aus dem Morgenlande,

Morgane, die berufne Fee.

 

Arglistig halb und halb von Sinne,

Verschmachtend nach dem Kelch der Minne,

Der stets an ihrem mund versiegt,

Umgaukelt sie des Wandrers Pfade,

Und lockt ihn an ein Scheingestande,

Das in des Todes Reichen liegt.

 

Von ihrem Zauberspiegel geblendet,

Ruht manches Haupt in Nacht gewendet,

Begraben in der Wüste Schlucht;

Denn ihre Liebe ist Verderben,

Ihr Hauch ist Gift, ihr Kuß ist Sterben,

Die schönen Augen sind verflucht.

 

So steht sie jetzt im hohen Norden

An unsres Meeres dunklen Borden,

So schreibt sie fingernd in den Dunst;

Und quellend aus den luft′gen Spuren

Erstehn in dämmernden Konturen

Die Bilder ihrer argen Kunst.

 

Doch hebt sie sich nicht wie dort im Süden

Auf rostigen Karyatiden

Ein Wundermärchenschloß ins Blau;

Nur einer Hauberg graues Bildnis

Schwimmt einsam in der Nebelwildnis,

Und keinen lockt der Hexenbau.

 

Bald wechselt sie die dunkle Küste

Mit Libyens sonnengelber Wüste

Und mit der Tropenwälder Duft;

Dann bläst sie lachend durch die Hände,

Dann schwankt das Haus, und Fach und Wände

Verrinnen quirlend in die Luft.


Das Gedicht "Morgane" stammt von   (1817 - 1888).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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