Die Lieb ist blind /

und gleichwohl kan sie sehen /

hat ein Gesicht /

und ist doch stahrenblind /

sie nennt sich groß /

und ist ein kleines Kind /

ist wohl zu Fuß /

und kan dannoch nicht gehen.

Doch diss muß man auff ander′ art verstehen:

sie kan nicht sehn /

weil ihr Verstand zerrint /

und weil das Aug des Herzens ihr verschwindt /

so siht sie selbst nicht /

was ihr ist geschehen.

Das /

was sie liebt /

hat keinen Mangel nicht /

wie wohl ihm mehr /

als andern /

offt gebricht.

Das /

was sie liebt /

kan ohn Gebrechen leben;

doch weil man hier ohn Fehler nichtes find /

so schließ ich fort: Die Lieb ist sehend blind:

sie siht selbst nicht /

und kans Gesichte geben.


Das Gedicht "Die Lieb ist blind" stammt von   (1621 - 1638).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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