Aurora kam herfür / das grosse Radt der Sonnen /

Die Fackel aller Welt / hett Augen schon gewonnen /

Und kam gleich auß der Seh: Diana gingk zur Ruh /

Der Sternen schöne Schar schloß ihre Strahlen zu:

Als ich / zu meiner Lust / im Garten ging spatzieren /

Da gahr kein Federvieh war weit undt breit zu spüren /

Da schon der rauhe Herbst die Blumen abgemeyt /

Den Feldern gantz entfürt ihr buntes Sommerkleit.

Ey (sprach ich) lieber Gott! wie alles sich vernewet?

Wie dieser sitzt und weint / undt jener sich erfrewet?

Wie alles Wechsel helt? Nun kompt der Schne herfür /

Und kurtz für diser Zeit war noch des Sommers Zier.

Vor wenig Stunden noch lag ich in vollem Treumen /

Umbringt mit schwartzer Nacht / nun geh ich bey den Beumen /

Die mit den Esten sich verschürtzen über ein /

An stat der Arme Bandt / und so gebunden sein.

Kein Wasser hat sich nun in langer Zeit ergossen /

Der Frost hat Erd und Mär / wie gleichsahm / gantz verschloßen /

Undt hellt die Wellen an / er bindt das gantze Landt /

Er heist die Schiffe stehn / und ist ein harter Bandt.

In summa / was du siehst in diesem grossen Runden /

Ja selbst das grosse Rundt / ist durch und durch gebunden /

O Mars / durch deinen Bandt / du ungebetner Gast

Hast unser armes Landt ietzt grausahm umbgefast.

Wer hilft uns doch von dir? Ist dann kein Raht zu finden?

Vor hat ein Weibesbildt die Waffen künnen binden /

O Freundin thu du auch / was Judith vor gethan /

Nimb / nechst dem Nahmen / auch der Judith Thaten an!

O Judith / Judith / komb / und hilf uns ietzt auß Nöten /

Weil Holofernes Här uns gäntzlich fast will tötten!

Dem gantzen Vaterlandt / und dir und mir zu guth!

Komb / komb / es ist schon Zeit sonst sint wir balt verlohren /

Wir haben ja den Wolff itzund schon bey den Ohren!

Komb / Holofernes geht / beladen von dem Wein /

Komb / komb / hier ist ein Schwert / kom / ich wil Abra sein!

Entbind du uns nur erst / so wollen wir dich binden /

Sonst lest des Krieges Bandt uns keine Bender finden /

Die deiner würdig sint; für eine zarte Handt

Gehört kein hart Metall / viel mehr ein gülden Bandt.

Was wil ich aber dir / O du mein halbes Leben!

O du mein ander Ich! für einen Bandt doch geben?

Nimb hin mein trewes Hertz zu einer kleinen Gab /

Nimb hin den trewen Sin / und alles / was ich hab.

Wir / die wir Freunde sein nicht bloß nur vom Geblüte /

Besondern noch viel mehr und neher vom Gemüte /

Sind langst gebunden zwar / doch folg ich (ohn das) auch

Dem alten und zugleich auch löblichen Gebrauch.

Der Freundschaft werter strick mag heut mein Bandt auch bleiben /

So wirt ja niemand mehr uns von einander treiben;

Ob zwar ein grosses Theil der Kugelrunden Welt

Sich heut noch zwischen uns und unser Fretow stelt;

So wirt sich doch mein Hertz von deinem eh nicht scheiden /

Eh dan die Sehle muß des Leibes Kercker meiden /

In mittelst laß mein Hertz dir sein ein festes Bandt /

Bis ich dir (wenn Gott wil) kan bieten selbst die Handt.


Das Gedicht "Auff Jungfer Judith Tanckin Namenstagk" stammt von   (1621 - 1638).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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