Warum duften doch die Rosen

So viel schöner bei der Nacht?

Warum schmecken doch die Küsse

So viel süßer bei der Nacht?

Wenn durch braune Dämmerungen

Hell der Liebsten Auge lacht,

Und wie eines Schwanes Fittich

Leuchtet ihrer Glieder Pracht.

 

Ja, der Tag gehört den Menschen,

Aber Gottes ist die Nacht!

Klar und mild, wie Auge Gottes,

Tausend Sterne sind erwacht;

Durch die Thäler, durch die Höhen

Weht′s wie Mailuft mild und sacht,

Und den Saum von seinem Kleide

Hörst du rauschen durch die Nacht.

 

Was die Seele dir belastet,

Was dein Auge weinen macht,

Leg′ es ab denn, müder Wandrer,

In den frommen Schoß der Nacht.

Knospen werden sich erschließen,

Früchte reifen über Nacht,

Und die Thränen sind getrocknet,

Ehe du noch aufgewacht.

 

Darum duften auch die Rosen

So viel schöner bei der Nacht,

Darum schmecken auch die Küsse

So viel süßer bei der Nacht:

Wenn durch braune Dämmerungen

Hell der Liebsten Auge lacht,

Und du fühlst an ihren Küssen:

Gott und deine Liebe wacht.


Das Gedicht "Bei der Nacht" stammt von (* 1816-05-30, † 1872-06-21).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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