So seh ich, Jesus, deine Füße wieder,

die damals eines Jünglings Füße waren,

da ich sie bang entkleidete und wusch;

wie standen sie verwirrt in meinen Haaren

und wie ein weißes Wild im Dornenbusch.

 

So seh ich deine niegeliebten Glieder

zum erstenmal in dieser Liebesnacht.

Wir legten uns noch nie zusammen nieder,

und nun wird nur bewundert und gewacht.

 

Doch, siehe, deine Hände sind zerrissen-:

Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.

Dein Herz steht offen, und man kann hinein:

das hätte dürfen nur mein Eingang sein.

 

Nun bist du müde, und dein müder Mund

hat keine Lust zu meinem wehen Munde-.

O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?

Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.


Das Gedicht "Pietá" stammt von   (1875 - 1926).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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