am 15.September 1896

 

Hochverehrte Baronesse,

Wieder einmal, Dresden-Galerie,

Die ich aufzusuchen nie vergesse.

Denn ich werde müd zu schauen nie

Des Teniers bizarre Schenkenspässe

Und Ostades bunte bauernmesse

Und dann Rubens, der den Farben lieh

Jene Liebeshymmnen Melodie. -

Raphaels verzückte - Madonnie

Rembrandts halblichtschwere braune Blässe

Dran manch Kritikus sich glühend schrie.

Kranach auch, dem ich die bunten Pässe

In das Fegefeuer nie verzieh.

Hier van Dyck, den Freund der Königstresse

Den ich nach den "Kindern Karls" messe

Und Corregio, den ich nie vergesse

Wegen seiner Wirklichkeitsmanie.

Dort - Velasquez, welchem die Finesse

Des Porträts im höchsten Maaß gedieh,

Goya mit der Höllentheorie

Und Murillos süsses Weingeesse

Dann auch Dürer, der die Farbenpresse

Brauchte - auch für seine Phantasie

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Unter diesem allen, Baronesse,

Denk′ ich ganz von ungefähr an Sie ...

 

Aber gewiss ist ein Tizian

Oder der Saskia Auge daran

Schuld, - daß mir hier auf dem Künstlerplan

Solche liebe Gedanken nahn ...

Und da sehn Sie: gedacht - gethan

Schon fällt ein ganzes Gedicht Sie anich sie Ihnen über alle Weiten - beide: Glück auf!

 

...


Das Gedicht "An Baronesse van Oesteren" stammt von   (1875 - 1926).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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