Von den Tannen träufelt Märchenduft;

Leise Weihnachtsglocken sind erklungen –

Blinkend fährt mein Hammer durch die Luft;

Denn ein Spielzeug zimmr′ ich meinem Jungen.

 

Graue Wolken kämpfen fernen Kampf;

Blau darüber strahlt ein harter Himmel.

Durch die Nüstern stößt den weißen Dampf

Vor der Tür des Nachbars breiter Schimmel.

 

Kommt Herr Doktor Schlapprian daher,

Zigaretten- und Absinthvertilger!

Voll erhab′nen Hohns lächelt er,

Hirn- und lendenlahmer Abwärtspilger.

 

Spöttisch grüßend schlendert er dahin

Und – verachtet mich, den blöden Gimpel,

Der gefügig spannt den dumpfen Sinn

In die Enge, ein »Familiensimpel«. –

 

Rote Sonne überm Schneegefild:

Und das weite Feld ein Sterngewimmel!

Und ins Auge spann ich euer Bild,

Wundererde – unerforschter Himmel.

 

Und den frischen, kalten, klaren Tag

Saug′ ich ein mit gierig starken Lungen –

Pfeifend trifft mein Hammer Schlag um Schlag,

Und ein Spielzeug zimmr′ ich meinem Jungen.


Das Gedicht "Heiliger Morgen" stammt von   (1862 - 1926).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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