Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte

Der Schlaf hervor.

Schon raunte mir die ersten, leisen Worte

Der Traum ins Ohr.

Da klang von nahen Zweigen

Ein tiefer Freudenschall,

Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen.

In meinem Traum sang eine Nachtigall.

 

Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume

Im Traum, im Traum.

Nur fern, o fern, durch mitternächt′ge Bäume

Ein lichter Saum.

Doch horch: von jenen Röten

Ein süß geheimer Hall,

Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten.

In meinem Traum sang eine Nachtigall.

 

Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme

Von je erklang

Und mir das Herz im Kampf und Leidensgrimme

Voll Hoffnung sang.

Ein Land des Lichtes träumen

Wir armen Seelen all!

Ich aber höre Klang aus jenen Räumen.

In meinem Traum singt eine Nachtigall.


Das Gedicht "Der Ruf" stammt von   (1862 - 1926).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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