Ich war erst sechzehn Sommer alt,

Unschuldig und nichts weiter,

Und kannte nichts als unsern Wald,

Als Blumen, Gras und Kräuter.

 

Da kam ein fremder Jüngling her;

Ich hatt ihn nicht verschrieben,

Und wußte nicht wohin noch her;

Der kam und sprach von Lieben.

 

Er hatte schönes langes Haar

Um seinen Nacken wehen;

Und einen Nacken, als das war,

Hab ich noch nie gesehen.

 

Sein Auge, himmelblau und klar!

Schien freundlich was zu flehen;

So blau und freundlich, als das war,

Hab ich noch keins gesehen.

 

Und sein Gesicht, wie Milch und Blut!

Ich habs nie so gesehen;

Auch, was er sagte, war sehr gut,

Nur konnt ich nichts verstehen.

 

Er ging mir allenthalben nach,

Und drückte mir die Hände

Und sagte immer O und Ach,

Und küßte sie behende.

 

Ich sah ihn einmal freundlich an

Und fragte, was er meinte;

Da fiel der junge schöne Mann

Mir um den Hals und weinte.

 

Das hatte niemand noch getan;

Doch wars mir nicht zuwider,

Und meine beiden Augen sahn

In meinen Busen nieder.

 

Ich sagt ihm nicht ein einzig Wort,

Als ob ichs übel nähme,

Kein einzigs, und - er flohe fort;

Wenn er doch wieder käme!


Das Gedicht "Phidile" stammt von   (1740 - 1815).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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