Im blauen Odinsmantel trat ein Wandrer

vor eine Frau und warb um ihre Seele.

Er warb, wie Herrscher werben. Nicht mit Worten,

und nicht mit Blicken.

Seine Rechte glitt

auf ihre Stirn, und, einer goldnen Last gleich,

hat diese Hand aufs Knie das Weib gezwungen.

Wie eine weiße Opfertaube gab sie

die Seele hin dem kühnen Seelenwerber.

Da aber sank der blaue Mantel nieder.

Ein Jüngling, schön wie Evas Erstgeborner,

stand hauptaufreckend vor der Zitternden.

»Hinweg der Trug! Nur Schwachen nahe ich

in Odins Göttermaske. Dir o Weib

zeig ich mich wahr: als Adams nackten Sohn,

der seine Arme streckt nach deinem Leib«.

Die Frau entfloh voll Graun. Die Thörin die!

Die Perle hat der Trüger ihr geraubt,

was bangt ihr nun die - Schale hinzuwerfen?


Das Gedicht "Entlarvung" stammt von   (1859 - 1927).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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