1.

 

Ich möchte gerne, wo an allem Ort

Ein hohes Fauenbild sich quälend sehnet

Nach Liebesthat zu süßem Liebeswort,

Ihr nahen, da sie Gluth sich nahe wähnet

Und harret einsam an dem Steine dort,

Dran sie gedankenvoll und prächtig lehnet:

Ich möchte solcher Edeln jede finden

Zu trauter Stunde, wenn die Strahlen schwinden.

 

Die rohen Narren, Männer sonst genannt,

Gehn ihr vorüber, witzlos, ohne Fühlen,

Mich hat ein unsagbarer Blick gebannt,

Am Säulenschacht muß ich die Stirne kühlen,

Auf reinen Formen weil′ ich unverwandt,

Mit Aug′ und Sinn in Reiz mich einzuwühlen.

Schon ist der Finger neckend Spiel begonnen

Und ernste Rede führt zum Thron der Wonnen!

 

2.

 

Ihr indischen Rosendüfte,

Habt ihr mein Mädchen gesehn?

Ihr Wellen, die ich beschiffte,

Habt ihr vernommen ihr Flehn?

 

Es war in dunkler Stunde

Da schritten wir über den Sand,

O, habt ihr gar keine Kunde,

Wohin meine Göttin verschwand?

 

Sie weint′, ich konnte nicht weinen,

Und endlich weint′ ich auch -

Ich that es nur ihr zu Liebe ...

Wir schritten im Windeshauch.

 

Nun sprecht, ihr Wellen, ihr Düfte,

Habt ihr mein Mädchen geseh′n?

O Pipi, Pepi, mein Täubchen,

Vernimmst du nicht mein Fleh′n?

 

O, sprecht ihr Wellen, ihr Düfte,

Habt ihr sie besser gerührt?

Habt ihr durch süßere Klagen

Lacertchen mir entführt?


Das Gedicht "Aus dem Buch der Liederlichkeit" stammt von   (1827 - 1892).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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