1. Frage

 

»Was ist die Liebe denn?« – »Was ist das Leben?«

Mag es zurück als Gegenfrage hallen –

So lang kein Liebesstrahl darauf gefallen,

Ist's eines Chaos nebelhaftes Weben.

 

Siehst Du die Sonne leuchtend sich erheben

Und alle Nebel schwindend niederwallen?

Hörst Du der Lerche Morgensang erschallen

Und siehst sie jubelvoll gen Himmel schweben?

 

Willst Du ihr folgen in das Licht der Sonnen?

Willst Dich mit ihr im blauen Aether wiegen,

Bis Deinem Blick die Erde ganz zerronnen?

 

Wohl ist die Lieb' solch jubelnd Aufwärtsfliegen,

Doch – daß der Himmel für das Herz gewonnen:

Das ist der Gottheit Zeichen, drinn wir siegen!

 

 

2. Antwort

 

Weil nun die Lieb' mir alle, alle Poren

Des Herzens füllt, weil sie mich ganz durchdrungen

Fragst Du: ob ich noch gern wie sonst gesungen,

Da ich alleinzig mich der Kunst verschworen?

 

Die Liebe, die mich also ganz erkoren,

Wähnst Du, hab' wie ein starker Geist bezwungen

Den guten Genius mit Feuerzungen,

Der früher einzog zu der Seele Thoren?

 

Ein Engel ist sie, der vom Himmel kommen,

Die sel'ge Offenbarung mir zu bringen:

Lieb' und Gesang sind ewig eins geblieben.

 

Und einer Täuschung hat er mich entnommen:

Sonst wußte ich von Liebe nur zu singen,

Jetzt sing' ich, weil ich innig weiß zu lieben.


Das Gedicht "Was ist die Liebe denn?" stammt von   (1819 - 1895).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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