Ach leben lass, nur leben den Geliebten!
Mein Gott! Ob dann auch Trennungsschauer wehn,
Dann darf der Blick des sehnenden Betrübten
Dasselbe Licht, denselben Tag doch sehn. -
So lang das dunkle Tor noch nicht geschlossen,
Ist auch der Hoffnung kühner Flug noch frei;
In Täler, wo Erinnerungsblumen sprossen,
Trägt sie das Herz in holder Schwärmerei,
Und sagt: Sie kann, sie wird Dir wiederkehren
Die seel'ge Zeit, wo Dir sein Blick gestrahlt!
Gemildert sind der Trennung bittre Zähren,
Wenn drin sich Morgenrot der Hoffnung mahlt.
Ach wohl! noch trinkt desselben Lichtes Quelle
Mit ihm mein Aug'; ihn hüllt dieselbe Nacht;
Uns beid' umspielt des irdischen Lufthauchs Welle,
Und beid' entzückt desselben Frühlings Pracht.
Wenn hier der Morgen glänzt, so ruf ich: "Eile!
Und bring' ihm Rosen, mit dem Flügelschritt!"
Senkt sich die Sonn' in's Meer, so fleh ich: "Weile
Noch lang' bei ihm und leuchte seinem Tritt!
Und glüh' noch lang um seiner Berge Gipfel
Verheißend, wenn sein Herz verwaist sich fühlt!
Indes um meiner stillen Haine Wipfel
Der Schimmer nur noch matt und scheidend spielt."
Wo weilt er jetzt? Wo dringt er mutbeflügelt
Zu fernen Höhn? Welch Tal durchstreift sein Blick?
Und welches glückliche Gewässer spiegelt
In fremdem Land sein schönes Bild zurück?
In schwärmerischer Mondnacht hehrem Schweigen,
Wenn sehnender das Herz den Busen hebt,
Dann sag' ich mir: "Noch ist das Glück mein eigen,
Weilt er auch fern, er ist noch mein, er lebt!
Und zieht nun erst das Heer der ew'gen Sterne
Am Himmel auf und trennt der Wolken Flor,
O dann entweicht die kleine Erdenferne,
Dorthin vereint flieht unser Blick empor."
Ja, in der Seelen stillem Zug begegnen
Auf jener Welten Bahn sich Blick und Blick;
Mit lichten Strahlen, die hernieder regnen,
Kömmt Wonn' in des Getrennten Herz zurück.
Gedichte