Das Laub beginnet fallen,

Und Winter naht mit Macht.

Ergeht an dich die Frage:

Was hast du für dich bracht?

 

Hast du der rothen Äpfel?

Hast du der süßen Birn?

Hast du voll goldner Halme

Die Scheuern bis zur Firn?

 

Hast Hölzer auf dem Boden?

Im Keller süßen Trunk?

Dann fürcht dich nicht zu sehre,

Fürrath hast du genung.

 

Ich sah die Liljen blühen,

Dazu die Heideblum,

Die Nachtigall im Walde

Die sang des Maien Ruhm.

 

Da blühte mein Gemüthe

Allauf aus schwerem Leid,

Gemahnte mitzusingen

Des Maien Herrlichkeit.

 

Und sangen wir selbander,

Frau Nachtigall und ich.

Da nahm sie aber Flügel

Und flog zum Himmelrich.

 

Und flog zum blauen Himmel,

Sah fröhlich allumher,

Und flog zu neuen Blumen

Gen Süden über Meer.

 

Nun stand ich fast betroffen

Und rief: Frau Muhme, halt!

Da stand ich ganz alleine

Zu singen in dem Wald.

 

Es fehlt mir sehr an Schwingen,

Sonst flög ich gerne mit,

Sonst flög ich mit gen Süden,

Wenn ich zwei Flügel hätt.

 

Ich habe schier versäumet

Der Früchte einzufahn.

Doch der die Liljen kleidet,

Wird mich nicht durfen lan.


Das Gedicht "Minnesänger" stammt von   (1819 - 1899).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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