I.

Kein Stimmlein noch schallt von allen

In frühester Morgenstund,

Wie still ists noch in den Hallen

Durch den weiten Waldesgrund.

 

Ich stehe hoch überm Tale

Stille vor großer Lust,

Und schau nach dem ersten Strahle,

Kühl schauernd in tiefster Brust.

 

Wie sieht da zu dieser Stunde

So anders das Land herauf,

Nichts hör ich da in der Runde

Als von fern der Ströme Lauf.

 

Und ehe sich alle erhoben

Des Tages Freuden und Weh,

Will ich, Herr Gott, Dich loben

Hier einsam in stiller Höh. -

 

Nun rauschen schon stärker die Wälder,

Morgenlicht funkelt herauf,

Die Lerche singt über den Feldern,

Schöne Erde, nun wache auf!

II.

Ein Stern still nach dem andern fällt

Tief in des Himmels Kluft,

Schon zucken Strahlen durch die Welt,

Ich wittre Morgenluft.

 

In Qualmen steigt und sinkt das Tal;

Verödet noch vom Fest

Liegt still der weite Freudensaal,

Und tot noch alle Gäst.

 

Da hebt die Sonne aus dem Meer

Eratmend ihren Lauf;

Zur Erde geht, was feucht und schwer,

Was klar, zu ihr hinauf.

 

Hebt grüner Wälder Trieb und Macht

Neurauschend in die Luft,

Zieht hinten Städte, eitel Pracht,

Blau Berge durch den Duft.

 

Spannt aus die grünen Tepp′che weich,

Von Strömen hell durchrankt,

Und schallend glänzt das frische Reich,

So weit das Auge langt.

 

Der Mensch nun aus der tiefen Welt

Der Träume tritt heraus,

Freut sich, daß alles noch so hält,

Daß noch das Spiel nicht aus.

 

Und nun gehts an ein Fleißigsein!

Umsumsend Berg und Tal,

Agieret lustig groß und klein

Den Plunder allzumal.

 

Die Sonne steiget einsam auf,

Ernst über Lust und Weh

Lenkt sie den ungestörten Lauf

Zu stiller Glorie. -

 

Und wie er dehnt die Flügel aus,

Und wie er auch sich stellt,

Der Mensch kann nimmermehr hinaus

Aus dieser Narrenwelt.


Das Gedicht "Morgenlied" stammt von   (1788 - 1857).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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