Ich trat in's Zimmer, der letzte

Von allen Gästen, herein,

Da saßen die Frauen im Kreise

Und strickten beim Kerzenschein.

 

Und alle waren Bekannte,

Und nickten mir freundlich zu;

Und mit dem Finger am Munde

Winkt' eine mich zur Ruh'.

 

Denn mitten im Kreis saß ein Dichter

Und macht' ein ernstes Gesicht,

Und focht dabei mit den Händen

Und las ein schlechtes Gedicht. –

 

Doch unter den Frauen im Saale

War eine mir unbekannt,

Mit lichtem Ringelhaare,

Sie trug ein blau Gewand.

 

Ich setzte mich neben den Dichter,

Zu horchen, was er las:

Er hatte lang' gelesen,

Ich aber wußte nicht, was.

 

Ich hatt' indessen von Sternen,

Und Blumen und Tönen geträumt,

Wie die Nachtigall schlägt im Walde,

Und nieder das Wasser schäumt;

 

Und wie die Königin sitzet

Auf hohem, goldenem Thron,

Und reicht dem Sänger lächelnd

Ein Kleinod zum Sangeslohn!


Das Gedicht "Wacher Traum" stammt von   (1790 - 1862).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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