Am Fenster saß der Ritter

Schon um den achten Tag;

Auf seinem Herzen doppelt

Die Qual des Kerkers lag.

 

Die Taube war entflohen

Und war nicht mehr gekehrt,

Wie auch nach ihrem Kommen

Des Ritters Herz begehrt.

 

Was ist mit ihr geschehen,

Daß sie so lange weilt?

Hat sie auf ihrem Fluge

Des Jägers Pfeil ereilt?

 

Hat ihr ein Vogelsteller

Ein trüglich Netz gestellt?

Verrath ist nimmer müßig,

Voll Arglist ist die Welt!

 

»Ist denn mein Liebchen gestorben?

Dann wehe meiner Noth!

War sie doch, als wir schieden,

Wie eine Rose roth! –«

 

Wie, oder zieht die Taube

Nun einen neuen Flug?

Trägt Botschaft sie nun Andern

Wie sie zu mir sie trug? –«

 

»Dann stürzt zusammen, Mauern,

Und decket mein Gebein!

Dann nimm in deine Wogen

Mich auf, du alter Rhein! –«


Das Gedicht "Erwartung" stammt von   (1790 - 1862).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte