Loset, was i euch will sage!

D’Glocke het Zehni gschlage.

Jez betet, und jez göhnt ins Bett,

und wer e rüeihig Gwisse het,

schlof sanft und wohl! Im Himmel wacht

e heiter Aug die ganzi Nacht.

Loset, was i euch will sage!

D’Glocke het Ölfi gschlage.

Und wer no an der Arbet schwitzt,

und wer no bi de Charte sitzt,

dem bieti jez zum leztemol, –

‘s isch hochi Zit – und schlofet wohl!

Loset, was i euch will sage!

D’Glocke het Zwölfi gschlage.

Und wo no in der Mitternacht

e Gmüet in Schmerz und Chummer wacht,

se geb der Gott e rüeihigi Stund,

und mach di wieder froh und gsund!

Loset, was i euch will sage!

D’Glocke het Eis gschlage.

Und wo mit Satans Gheiß und Not,

e Dieb uf dunkle Pfade goht,

– i will’s nit hoffen, aber gschieht’s –

gang heim! Der himmlisch Richter sieht’s.

Loset, was i euch will sage!

D’Glocke het Zwei gschlage.

Und wem scho wieder, eb’s no tagt,

die schweri Sorg am Herze nagt,

du arme Tropf, di Schlof isch hi!

Gott sorgt! Es wär nit nötig gsi.

Loset, was i euch will sage!

D’Glocke het Drü gschlage.

Die Morgestund am Himmel schwebt,

und wer im Friede der Tag erlebt,

dank Gott, und faß e frohe Muet,

und gang ans Gschäft, und – halt di guet!


Das Gedicht "Wächterruf" stammt von   (1760 - 1826).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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