Du Kleine, willst du gehen?

Du bist ein Kind!

Wie wolltest du verstehen,

Was Küsse sind?

Du warst vor wenig Wochen

Ein Knöspchen bloß;

Nun tut, kaum ausgebrochen,

Das Röslein groß!

 

Weil deine Wange röter

Als Apfel blüht,

Der Augen Blau wie Äther

Im Frühling glüht;

Weil deinen Schleier hebet,

Ich weiß nicht was,

Das auf und nieder bebet:

Das meinst du, das?

 

Weil kraus wie Rebenringel

Dein Haupthaar wallt,

Und hell wie eine Klingel

Dein Stimmchen schallt;

Weil leicht, und wie gewehet,

Ohn Unterlaß

Dein schlanker Wuchs sich drehet:

Das meinst du, das?

 

Ich sahe voll Gedanken

Durch junges Grün

In blauer Luft die blanken

Gewölkchen ziehn;

Da warfst du mich, du Bübin,

Mit feuchtem Strauß,

Und flohst wie eine Diebin

Ins Gartenhaus.

 

Nun sitz und schrei im Winkel,

Und ungeküßt,

Bis du den Mädchendünkel

Rein abgebüßt!

Ach gar zu rührend bittet

Dein Lächeln mich!

So komm, doch fein gesittet,

Und sträube dich!


Das Gedicht "Der Kuß" stammt von   (1751 - 1826).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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